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LagenCup Rot 2021: Heißes Klima - coole Weine

Beim diesjährigen LagenCup Rot 2021, mit ausschließlich roten Lagenweinen aus Deutschland, wurden rund 350 Spitzengewächse verkostet. Die 12-köpfige Jury, bestehend aus Weinjournalisten, Sommeliers und Weinhändlern widmete sich drei Tage lang den Weinen. Unter coronakonformen Bedingungen wurde die Verkostung wie immer blind durchgeführt, kontrovers diskutiert und nach der 100-Punkte-Skala bewertet - Organisiert wird der LagenCup vom Berliner Sommelier Serhat Aktas.

Die Resonanz der Winzer war nach der Ausschreibung zum roten LagenCup 2021 außerordentlich lebhaft. Am Ende stellten sich rund 350 deutsche Rotweine einem Vergleich, der sicherlich unter außergewöhnlichen Bedingungen stattfinden musste, aber nicht minder professionell ins Visier der Verkoster genommen wurde. Dass es auch dieses Mal der Spätburgunder ist, der die erfolgreiche Flanke deutscher Rotweine anführt, mag einerseits nicht überraschen, andererseits sind es in jedem Jahr mehr Rotweinsorten, die ihrer Herkunft nicht weniger entsprechen. Dabei steht der Lemberger an vorderster Stelle, dessen Exemplare die Verkoster des LagenCups Jahr für Jahr neu und stets häufiger zu überzeugen wissen.

Lemberger auf dem Vormarsch

Den Status, den der Silvaner im Weißweinbereich innehat, besitzt er beim Rotwein im gleichen Maße in Sachen Lemberger. Beide Sorten konnten hierzulande in den letzten Jahren deutlich an Charakter und Güte aufholen. Vielleicht dauert es auch gar nicht mehr lange, bis ein Silvaner die höchsten Gütemauern deutscher Weißweine erklimmt, und dem Lemberger jene hochrangige Aufmerksamkeit zuteil wird, die als Wein aus dieser einzigartigen Sorte in etlichen Exemplaren bereits auf die Flasche gebracht wurde. Es wurde auch deshalb allerhöchste Zeit, dass es ein Lemberger in die Top Ten der besten Rotweine Deutschlands geschafft hat. Dass der hauptsächlich aus dem beschaulichen Württemberg stammt, mag einerseits wenig überraschen, andererseits lohnt es unbedingt, ein Augenmerk auf das süddeutsche Anbaugebiet zu legen, dessen Weine – sowohl im Weiß- als auch im Rotweinbereich in letzter Zeit enorm zulegen konnten.

Deutsche Grand Crus können köstlich heranreifen

Seine besten Exemplare sind nicht nur in ihrer Jugend außerordentlich schmackhaft, sondern haben im Bereich der Grand Cru-Gewächse auch das Zeug über viele Jahre köstlich heranzureifen. Auch davon durfte sich das Verkoster-Team beim 2021er LagenCup wieder einmal überzeugen. Wenn die Wahrnehmungen bei vielen Weinen auch sehr unterschiedlich ausfielen, so waren sich die Juroren bei der Beurteilung der besten Weine meist erfreulich einig. Qualität, so ließe sich danach schließen, macht sich eben nicht nach bestimmten Aromaparametern fest, sondern an einer Güte, die jeder auf seine Weise und ganz unterschiedlich empfindet. Wir vom LagenCup möchten diese Geschmacksfreiheit eindeutig propagieren. Denn wie sagte einst der kürzlich verstorbene chilenische Biologe und

Winzerin des Jahres – Verena Schöttle: Weingut Chat Sauvage / Rheingau

Beim diesjährigen LagenCup Rot 2021, mit ausschließlich roten Lagenweinen aus Deutschland, wurden rund 350 Spitzengewächse verkostet. Die 12-köpfige Jury, bestehend aus Weinjournalisten, Sommeliers und Weinhändlern widmete sich drei Tage lang den Weinen. Unter coronakonformen Bedingungen wurde die Verkostung wie immer blind durchgeführt, kontrovers diskutiert und nach der 100-Punkte-Skala bewertet - Organisiert wird der LagenCup vom Berliner Sommelier Serhat Aktas.

Mit einer solchen Leidenschaft

„Wow“ kommt einem wohl als erstes in den Sinn, wenn man diese außergewöhnliche „Winzerin des Jahres 2021“ erlebt: Verena Schöttle vom Weingut Chat Sauvage im Rheingau. Man hat den Eindruck,dassPinot Noir nicht nur ihre große Leidenschaft ist, sondern bestimmt auch durch ihre Adern fließt.

Viele Umwege

Den Grundstein für die Weinbegeisterung der gebürtigen Tübingerin haben die Großeltern gelegt. Dieses betriebene Obst – und Weinanbau. Letzterer mit einem Hektar zwar überschaubar, aber immerhin. Um sich Skiurlaube und sonstige sportliche Aktivitäten zu finanzieren, war Verena schon zur Schulzeit mit drei Nebenjobs aktiv. Damals wurde ihr schon klar, dass ein trockenes Studium nicht ihre Welt ist. Der Großvater ergriff die Chance und brachte Verena Schöttle zu ihrem ersten Lehrbetrieb in die Südpfalz - nach Schweigen. Im zweiten Lehrjahr wechselte sie zu Rainer Schnaitmann nach Fellbach. Als erster Lehrling des heute renommierten Weinguts nahm sie vor allem die Liebe zum Spätburgunder wahr. Der Grundstein war gelegt! In der Kaderschmiede Geisenheim folgte ihr Diplom für Weinbau und Önologie. Nach Erfahrungen im Weingut J.Hofstätter in Südtirol wollte sie bei ihrem Lehrbetrieb Schnaitmann eigentlich nochmals vier Wochen aushelfen, daraus wurden schließlich jedoch eineinhalb Jahre. Ihr gefiel vor allem, wie souverän - und nach Gefühl entscheidend - Schnaitmann seine Pinot Noirs ausbaute.

Der Ausbilder Rainer Schnaitmann sagt: "Ich freue mich sehr darüber, dass Verena als Winzerin des Jahres ausgezeichnet wird! Sie war tatsächlich meine erste Azubine und das in einem sehr speziellen Jahrgang: 2000 wurden durch einen Hagelsturm fast alle meine Weinberge des Ertrags beraubt. Den Jahrgang dann mit zugekauften Trauben von überall her aus dem Remstal zu machen, war dann aber für mich genauso spannend, wie für sie. Ich bewundere ihre unglaubliche Power und wie sie ihren Weg bis zu ihrer jetzigen Wirkungsstätte gegangen ist! Sie hat einen schwäbisch-klaren Blick für das Wesentliche und ist trotz aller inzwischen gewonnenen Erfahrung begeisterungsfähig geblieben, so dass sich die Weinfreunde sicher sein können: da kommt noch mehr!"

Nachdem die passende Stelle in der Weinwelt nicht frei war, entschied sich die damals 25jährige Winzerin im Frischeparadies in Frankfurt zu arbeiten. Der tolle Betrieb ist auch weintechnisch perfekt aufgestellt – entsprechend konnte sie ihre internationalen Weinkenntnisse erweitern. Um es ganz rund zu machen arbeitete sie auch noch als Sommelière und Leiterin des Gourmetrestaurants im Hotel „Die Sonne“ in Frankenberg. Die flexible Weinfrau zog es aber doch wieder zurück ins Weingut. Bevor sie in die Weinmanufaktur Montana eintrat, arbeitete sie zweieinhalb Jahre im berühmten Weingut Robert Weil. Die umtriebige diplomierte Önologin ließ es sich nicht nehmen, noch „en passant“ ein BWL-Studium aufzusatteln. Der wichtigste Meilenstein jedoch kam, als sie 2015 zum Weingut Chat Sauvage wechselte. Eigentlich für den Außenbetrieb zuständig, merkte der Eigentümer Günter Schulz, welches Juwel ihm in die Hände gefallen war. 2019 machte er Verena Schöttle zur Miteigentümerin.

Nach wie vor hält sich Schöttle am liebsten in den Reben auf. Dort wächst die Qualität. Ihr Motto lautet: alles im Weinberg für großartige Qualitäten zu geben, sodass im Keller nicht mehr viel gemacht werden muss.

Ihre Spätburgunder zeigen Eleganz – gepaart mit ätherischen Aromen von Zitrusfrüchten. Dann spürt man die straffe Art – regelrecht zupackend. Die dunklen Beerenfrüchte und Kräutrigkeit verleihen dem Wein eine unglaubliche Vielschichtigkeit. Im Nachhall zeigen die Pinots ihre Kraft, Länge und Langlebigkeit. Die Rotweine sind ganz großes Kino – da gibt es auch international nicht viel Vergleichbares.

Ein Hingucker - Weingut Chat Sauvage

Der Name verrät eigentlich schon, dass es sich bei dem Spitzenweingut in Johannisberg eher um ein „Startup“ handelt, als um ein Traditionsweingut mit lang überschaubaren Generationen. Der Hamburger Unternehmer Günter Schulz gründete 2000 sein eigenes Weingut, um Spitzenburgunder zu erzeugen. Anfangs kaufte er Trauben zu, doch nachdem er einen Teil seines sensationellen Weinkellers in die Auktion zu Christie’s brachte, war der Grundstock für eigene Rebberge gelegt. 2010 errichtete Schulz ein hochmodernes Betriebsgebäude mit Vinothek – auch optisch ein wahrer Hingucker! Die knapp 8 Hektar bewirtschaftete Fläche verteilen sich auf 80 % Spätburgunder und 20 % Chardonnay.

Gearbeitet wird sehr traditionell – und auf Technik nach Möglichkeit verzichtet. Im Herbst ernten sie Weinberg für Weinberg von Hand. Nach einer extrem langen Maischestandzeit der Pinots (jahrgangsabhängig zwischen 4-6 Wochen in offenen Bottichen) werden alle Weine in kleinen französischen Eichenholzfässern separat ausgebaut. Je nachdem wie der Herbst verläuft, entscheidet Schöttle über Kühlung, Spontangärung und anderes.

Ausnahmejahrgang 2018

Der Jahrgang war nicht nur von der Sonne und guter Witterung geprägt, er sorgte auch für die früheste Weinlese jemals. Bis dahin unvorstellbar, wurden die Pinot Trauben schon in den letzten Augusttagen gelesen. Noch außergewöhnlicher allerdings war, dass die Topweingüter die „großen“ Qualitäten zuerst gelesen haben. Heutzutage sind die Toplagen im Ertrag so ausgedünnt, dass die Trauben schon früh zu ihrer idealen Reife gelangen. Im Weingut Chat Sauvage arbeiten sie Jahr für Jahr mit extrem kleinen Erntemengen…

Verena Schöttle schwärmt immer noch von den 2018er Bilderbuchtrauben! Keinerlei Fäulnis – nur extrem gesunde Trauben. Schnell war die Entscheidung gefasst, alle Spätburgundertrauben spontan zu vergären. Seit 2020 werden auch die Chardonnays spontan vergoren.

Konsequenz

Die Frage, ob es leicht falle, mitten im Rheingau nur Burgunderweine auszubauen, bejaht Verena Schöttle mit Nachdruck. Sie ist überzeugt davon, dass jede Rebsorte ihre ganz eigenen individuellen Bedürfnisse und Ansprüche an den Winzer stellt. „Für Rieslinge muss man im Keller immer sehr präzise arbeiten“, betont sie. „Spätburgunder dagegen legen vor allem Wert auf geduldige Gelassenheit.“ Das mag die „Winzerin des Jahres“. Aber nach Feierabend trinkt auch sie sehr gern einen guten Riesling von den Winzerkollegen!

Sieger–Weingut Gutzler

Beim diesjährigen LagenCup Rot 2021, mit ausschließlich roten Lagenweinen aus Deutschland, wurden rund 350 Spitzengewächse verkostet. Die 12-köpfige Jury, bestehend aus Weinjournalisten, Sommeliers und Weinhändlern widmete sich drei Tage lang den Weinen. Unter coronakonformen Bedingungen wurde die Verkostung wie immer blind durchgeführt, kontrovers diskutiert und nach der 100-Punkte-Skala bewertet - Organisiert wird der LagenCup vom Berliner Sommelier Serhat Aktas.

Einige Quellen behaupten ja, der Name Gutzler würde vom berühmten Reichsritter Götz von Berlichingen herrühren. Ob da etwas dran ist, lässt sich heute nur noch schwerlich nachvollziehen. Schließlich ist der berühmte Ritter mit der eisernen Hand schon ein paar hundert Jahre mausetot. Seine Trutzburg Hornberg stand auch nicht am Rhein, sondern am Neckar. Und »im Arsche lecken« möchten die Gutzlers auch niemandem wünschen. Obwohl? Aber das ist ein anderes Thema.

von Vater zu Sohn und zu Enkelsohn

Die Weinbaugeschichte der Gutzlers beginnt, als der Zweite Weltkrieg vorbei war. Michael Gutzlers Opa Willi geriet in russische Gefangenschaft, die er zwölf Jahre überstand, bevor er schließlich den Betrieb im südrheinhessischem Gundheim mit Wein, Acker und Vieh übernehmen konnte. Mit den Lieferungen an die örtlichen Genossenschaften hatten die Gutzlers bereits in ihren Anfängen wenig am Hut. Die ersten eigenen Abfüllungen brachten sie bereits in den fünfziger Jahren und mit ihrem guten Namen auf den Markt. Willi übergab den Betrieb an seinen Sohn Gerhard – und der gab dann in Sachen Wein richtig Gas. Vieh und Acker verschwanden auf der Liste der Prioritäten. Wir dürfen annehmen, dass Gerhard Gutzler der erste Winzer in Rheinhessen war, der dieser Region gehöriges Potential für rote Sorten zuschrieb. In den siebziger Jahren war Rheinhessen ein Sammelsurium aus Rebsorten, die schnell wachsen und möglichst hohe Erträge hervorbringen sollten. Eine Differenzierung zwischen Qualität und Quantität gab es schlicht noch nicht. Weiß, süß und gnädig berauschend sollte es ein. Gerhard Gutzler bereiste die Weinwelt, trieb sich in der Champagne und im Burgund um, schaute den Winzern im Weinberg und den Meistern im Keller über ihre Schultern. Es waren Jahre, die ihn prägten. Die ihn stark machten, für das, was sein Sohn heute lebt und erarbeitet. Ja, großer deutscher Rotwein wächst auch in Rheinhessen. Am besten in seiner südlichsten Ecke, dem Wonnegau. Der Siegerwein des LagenCups kommt von dort. Und wir waren begeistert!

»Eleganz und Kraft«

Die Lage Westhofener Brunnenhäuschen trägt ihren Namen nicht von ungefähr, sondern rührt tatsächlich von einer Wasserquelle an Ort und Stelle her. Da nimmt sich die Meinung der Jury im Kontext dieser großen Geschichte beinahe bescheiden aus. Die notierte: »Noble Würze, dunkle Früchte wie Kirsche und Waldbeeren; vielschichtig am Gaumen, könnte ein Franke sein, bei aller Eleganz zeigt er auch Kraft und Dichte am Gaumen, langer, intensiver Nachhall.« Obgleich wir es den Verkostern nicht vergällen können. Denn wie denn auch? Beim LagenCup wird konsequent und bis zum besten Ende blind verkostet. Das Weingut Gutzler zählt zu den besten nicht nur in dieser Region, sondern landesweit. Dass der 2017er Spätburgunder aus dem Brunnenhäuschen der Jury des LagenCups besonders gut geschmeckt hat, ist auch deshalb nicht verwunderlich, weil das Weingut über die ältesten Bestände mit burgundischen Pinot-Klonen in Deutschland verfügt. Michael Gutzler ist seit 2004 mitverantwortlich für das Weingut. Knapp 14 Hektar stehen unter seiner Obhut. Ob wir uns wundern müssen, dass der Spätburgunder dabei fast 50 Prozent ausmacht? Natürlich nicht. Aber freuen dürfen wir uns doch über einen Wein, den die Jury in aller Ausführlichkeit und in diesen Worten lobte: »Intensiv, kraftvoll, elegant.« Klingt gut? Schmeckt auch so.

Wir können bei der LagenCup-Verkostung lediglich Hinweise auf den Geschmack geben. Dass der nicht jedermanns und jederfrau sein kann, ist uns bei dieser genüsslichen Arbeit allzeit und wonniglich bewusst.

Was sagt Michael Gutzler zum Schluss und mit allem Recht: »Alles, was uns ausmacht, unsere Liebe zu unserem Beruf, spüren und schmecken Sie ganz sicher in unseren Weinen, unseren Bränden und unserem Sekt. Unsere Weine spiegeln natürlich nicht nur den Boden wider, auf dem sie wachsen, sondern auch uns selbst.«  Ja, man muss sich auch und sowieso selbst erobern: Mit seiner Prothese konnte Götz von Berlichingen immerhin mindestes drei Finger mechanisch steuern. Eine Meisterleitung des 16.Jahrhunderts. Die Gutzlers tun es ihm nach. Jahrhunderte danach – und auf andere Art und Weise. Um Wohlbefinden geht es dennoch und eigentlich immer.

Die TopTen

1.Platz – 96 Punkte: 2017 | Westhofener Brunnenhäuschen | Großes Gewächs | Spätburgunder | Weingut Gutzler | RHEINHESSEN

Brunnenhäuschen. Das klingt doch schon mal gut. Da wird sich irgendwo auf diesem Areal doch eine Wasserquelle befinden. Oder zumindest befunden haben. Und wo Wasser ist, stehen die Aussichten schon einmal nicht ganz schlecht, wenn man als Winzer Wein anbauen will. Künstliche Bewässerung ist heute zwar möglich, aber auch ein ebenso mühseliges wie kostspieliges Unterfangen. Da ist es doch weit aus praktischer, wenn sich die Reben direkt und nicht im To-Go-Service satt trinken können. Übertreiben tun sie es bei den Gutzlers dabei ohnehin nicht. Die Junganlagen werden sie vermutlich in den letzten Jahren mit dem einen oder anderen Schluck aus der Kanne versorgt haben müssen. Ansonsten müssen die Reben da durch. Das Weingut Gutzler zählt zu den Pionieren, wenn es um exzellente Rotweine aus Rheinhessen geht. Mittlerweile haben die Pflanzen ein stattliches Alter erreicht. Da lässt der Durst der Reben ebenso mit den Jahren nach, wie die Früchte weniger werden, die an ihnen wachsen. Doch was sie noch hervorzubringen imstande sind, kann zu den bezauberndsten Getränken dieser Welt werden. Auch deshalb darf beim Wein auch einmal Pathos bei seiner Ansprache erlaubt sein. Schließlich spiegelt er in seinen köstlichsten und fürchterlichsten Varianten eine Zeit wider, die ohne menschliche Eingriffe so vermutlich nie gewesen wäre. Und was sagten die Juroren des LagenCups zu Gutzlers Spätburgunder aus dem Brunnenhäuschen? »Noble, gereifte Würze, Kirsche und Waldbeeren in der Nase«, am Gaumen »zeigt sich ein ebenso eleganter wie kraftvoller Körper mit einem intensiven Nachhall.« Nun ja, fassen wir die Meinungen der Profis einmal so zusammen: Zurückgenommenes Pathos bei delikatem Geschmack.  

2. Platz – 95 Punkte: 2017 | »GC« Schlatter Maltesergarten | Pinot Noir | Weingut Martin Waßmer | BADEN 

»Halleluja, was für eine komplexe Nase, Reduktion noble par excellence, Röstnoten, dunkle Steinfrucht, Feuerstein und noch so unglaublich jung«, wusste ein Juror seine Euphorie bei der Verkostung von Martin Waßmers Pinot Noir aus dem Maltesergarten kaum mehr im Zaum zu halten. Warum auch? Beim LagenCup sind Begeisterung und Mut zum Auspunkten unbedingt erwünscht. Dass das Weingut Martin Waßmer zu den besten des Landes zählt, ist zwar in der Szene schon lange bekannt, darüber hinaus jedoch könnte es noch den einen oder anderen Anschub gebrauchen. Da sind wir vom LagenCup doch gerne mit dabei und attestieren dem 2017er Pinot Noir Schlatter Maltesergarten eine wahrhaft exzellente Qualität. Ein Wein von unglaublicher Feinheit und Extravaganz. Und wer hätte vor 10 oder 15 Jahren geglaubt, dass im Gutedel-verwöhnten Markgräflerland einmal Pinot Noirs entstehen, die es mit den edelsten Gewächsen des Burgunds aufnehmen können? Eben. Niemand. Seinen Stil – vor allem beim Pinot – hat Martin Waßmer in den letzten Jahren stetig etwas verändert. Favorisierte er anfangs seiner Winzerkarriere Ende der neunziger Jahre noch üppige und stark extrahierte Pinots, so sind es heute überaus feine und vibrierende Weine, die auf den ersten Schluck manchmal etwas fordernd sein mögen, sich beim zweiten und vor allem mit der Zeit eine unglaubliche Delikatesse aufbauen. Fast überflüssig zu erwähnen, dass wir es beim LagenCup mit einem seiner Flaggschiffe zu tun bekamen, ihn in kleinen Mengen und zu einer geeigneten Speise zu genießen, bedarf keiner weiteren Hervorhebung. Oder vielleicht doch? Versuchen Sie es doch einmal mit etwas Schärfe in Ihrer Speise, vermeiden sie Sahne oder Butter in der Sauce, belassen Sie Fisch oder Fleisch bestmöglich in seinem natürlich gegarten Geschmack – und probieren Sie dazu diesen Wein. Eine Garantie für Ihren Wohlgeschmack wollen wir Ihnen dazu ganz natürlich nicht ausstellen.  (95)

3. Platz – 95 Punkte: 2018 | Recher Herrenberg | Spätburgunder | GG | Weingut Jean Stodden | AHR

Früher galt Rotwein aus vermeintlich schattigen deutschen Gefilden als eine kuriose Ausnahme. Die Produktion war höchstens homöopathisch, die Qualitäten – wenn es Wein- und Wettergötter denn wollten – fielen bestenfalls solide aus, trocken waren sie nur selten zu verkaufen. Großes Aufhebens wurde um deutsche Rotweine lange nicht gemacht. Da war das kleine Anbaugebiet Ahr stets eine Ausnahme. Aus ihm kamen Früh- und Spätburgunder zu einer Zeit, als Winzer anderswo in der Republik beinahe ausschließlich auf ertragsreiche weiße Sorten setzten. Dabei machen es ein vergleichsweise warmes Mikroklima und der vorherrschende dunkle Schieferboden den roten Reben schon immer etwas leichter, ihre Früchte zu einer akzeptablen Reife zu bringen. 40 Jahre ist diese Zeit nun schon vergangen. Und es hat sich eine Menge verändert. Noch immer sollte sich der geneigte Zecher ein gut gefülltes Portemonnaie mit auf seinen Ausflug an die Ahr nehmen. Süße Rotweine wird er auch noch finden. Die besten allerdings werden heute trocken und in kleinen französischen Eichenholzfässern ausgebaut. Das Weingut Jean Stodden gehört nicht nur zu den besten der Region, sondern darf sich auch als Pionier bezeichnen, wenn es darum geht, edelste Pinot Noirs nach burgundischen Vorbildern zu erzeugen, dabei jedoch niemals ihr Terroir vernachlässigt. Beim 2018er Spätburgunder GG aus dem schiefrigen Recher Herrenberg notierte die Jury »eine wunderbar präzise Balance aus Säure, Konzentration, Süße und Würze.« Und war sich unisono einig, dass es sich bei diesem Pinot um nichts anderes als um einen wirklich großen Wein handeln kann. Die Ahr: Klein, aber oho. (95)

4. Platz – 95 Punkte: 2018 | Schweigener Sonnenberg | Spätburgunder | Weingut Jülg | PFALZ

Zum wiederholten Male taucht das Weingut Jülg in unserer Bestenliste auf. Dabei überzeugten uns in der letzten Zeit nicht nur die Spätburgunder, auch die Weißen wussten bei den LagenCups immer wieder zu glänzen. Das Weingut Jülg, im südpfälzischen Schweigen gelegen, legt momentan nicht nur eine astreine Wein-Erfolgsserie hin, sondern bleibt dabei gleichzeitig auch seiner Familientradition treu. Das Gasthaus (eine alte Poststation) ist seinen Stammgästen nach wie vor treu und serviert auch weiterhin traditionelle aus Omas Pfälzer Küche zu mehr als gnädigen Preisen. Das mag an manchen Stellen vielleicht widersprüchlich erscheinen, weil die Weine der Jülgs in den letzten Jahren derart an Bekanntheit und Güte gewonnen haben, sodass sie sich zu einer regionalen Küche womöglich nicht mehr authentisch paaren lassen. Wir können in dieser Causa allerdings allseits Entwarnung geben: Neben den Großen Gewächsen, als frisch gekürtes Mitglied im Edelverband VDP, die das Weingut bald präsentieren wird, werden die Gutsweine ihren Nimbus nimmer verlieren. Sie gehören zu diesem Weingut wie die Wurzel zur Rebe. Inzwischen durfte sich die Jury des Roten LagenCups 2021 über einen 2018er Spätburgunder aus dem kalkreichen Sonnenberg von seltener Güte freuen: »Konzentriert am Gaumen, hochfeines Tannin und eine wahnsinnige Länge« notierte ein Verkoster und vergab eine erwartungsgemäß hohe Punktzahl. Und dabei war er nicht allein auf der weiten Jury-Front. Es gab schlichtweg keinen Verkoster, der diesen Wein nicht in höchsten Tönen lobte. Für An- und Ausbau der Weine zeigen sich heute Johannes und sein Vater Werner Jülg verantwortlich. Mit welch sensiblen Händen sie an ihre Herzensangelegenheit herangehen, macht der Spätburgunder aus dem Sonnenberg mehr als deutlich. Womöglich dauert es nicht mehr lange, bis sich das Weingut als Deutschlands Spitze etabliert hat. Und wir vom LagenCup können allen Zechern versichern, dass es bei den Jülgs auch hinkünftig im allerbesten Sinne urig zugehen wird. Ob im alten Gastraum mit seinem knackenden Parkett oder auf der Oleander-überfließenden Terrasse. (95) 

5. Platz – 95 Punkte: 2018 | Untertürkheimer Gips | Spätburgunder | GG | Weingut Aldinger | WÜRTTEMBERG

Gert Aldinger hats so gemacht: In den achtziger Jahren, als deutscher Rotwein noch kaum eine Rolle in der Weinwelt spielte, hat er sich einfach mal ein paar berühmte rote Sorten aus dem Ausland besorgt. Die Stecklinge aus Cabernet & Co. pflanzte er optimistisch in seine Fellbacher Gemarkungen. Seine Cuvées aus mediterranen Varietäten kamen nicht nur beim zechenden Publikum gut an, sondern reüssierten auch bei der Weinkritik. Aldinger dürfte bereits damals klar gewesen sein: Das Weinländle kann mehr als süffigen Trollinger. Und er sollte recht behalten. Jahr für Jahr wartet die Region heute mit Weinen auf, die es mühelos mit den allerbesten Gewächsen des Landes aufnehmen können. Leichtes Spiel also für seine Söhne Matthias und Hansjörg, die das Weingut seit einigen Jahren in gemeinschaftlicher Arbeit führen. Cabernet und Merlot werden dank Klimaerwärmung auch in unseren Gefilden mittlerweile recht zuverlässig reif. Doch statt sich auf Sorten zu kaprizieren, die heiße und trockene Jahre goutieren, setzen die Brüder auf Klassiker wie Spätburgunder, Lemberger und natürlich auch Trollinger. Im umgekehrten Sinne tun sie es ihrem Vater gleich und setzen auf heimische Sorte, die sich mit einem weiter erwärmenden Klima eher schwertun. Der Aufwand, den es braucht, um den Weinen ihre natürliche Frische zu bewahren, liegt vor allem im Weinberg. Eine Binsenweisheit mit vielen Variablen. Dabei erfinden sie den Weinbau nicht neu, sondern definieren die Weine nach ihrer Natur und ihrem Gusto: »Spannend, pfeffer- und wunderbar hintergründig-toastwürzig« beschreibt ein Verkoster das Große Gewächs Spätburgunder aus Aldingers Monopollage Untertürkheimer Ginps aus 2018. »Harmonisch, frische Säure bei griffigem Tannin« ergänzte ein anderer. Der Klimawandel mag den Anbau vermeintlich mediterraner Weine begünstigen, doch das bedeutet noch lange nicht, dass die heimischen Sorten keine Zukunft mehr haben: Quod erat demonstrandum.

6. Platz – 95 Punkte: 2018 | Stettener Gehrnhalde | GG | Lemberger | Weingut Karl Haidle | WÜRTTEMBERG

Das wurde auch Zeit. Noch immer führt der Lemberger so etwas wie ein Schattendasein. Wiewohl er sein exzellentes Potenzial in den letzten Jahren immer häufiger ausspielen konnte, ist bei den besten Rotweinen Deutschlands doch meist nur vom Spätburgunder die Rede. Dabei steht außer Frage, dass sich auch Deutschlands Pinots in den letzten Jahren stetig verbessert haben, dass dies im vergleichbaren Maße auch beim Lemberger geschehen ist, bleibt viel zu oft unerwähnt oder geht in den Jubelstürmen für den Spätburgunder glatt unter. Da geht es dem Lemberger wie dem Silvaner. Bei delikaten deutschen Weißweinen kommt die Sprache schnell auf Riesling und verweilt dort. Da kann sich der Silvaner anstrengen, wie er will, bis auf Weiteres bleibt für ihn nur die zweite Reihe. Wie lange das noch so geht, bleibt abzuwarten. Denn sowohl Lemberger als auch Silvaner konnten in ihrer Güte zuletzt enorm zulegen. Und Delikatesse spricht sich herum. Moritz Haidle setzt mit seinem Großen Gewächs aus der Stettener Gehrnhalde ein köstliches Ausrufezeichen. Mit ihren rund 40 Jahre alten Reben zählt die Lage zu den ältesten Lemberger-Anlagen in der Region. Nach der erfolgreichen Umstellung seiner Weinberge auf eine biologische Bewirtschaftung beschäftigt sich Haidle zuletzt noch einmal enger mit seinen Böden und arbeitet mittlerweile auch mit biodynamischen Methoden. Der Wein dankt es ihm. So fiel das Urteil der Juroren dann auch einhellig aus: »Pfeffer, Pfeffer, Pfeffer. Dazu angeröstete Pflaumen, konzentriert und dicht, viel reife dunkle Steinfrucht. Am Gaumen mit überraschender Frische, dabei dicht und freilich noch jugendlich, erstaunliche Säure für einen heißen Jahrgang wie 2018. « Dem ist nichts hinzuzufügen. Lemberger as its best! Dass Moritz auch hinkünftig Zeit für Graffitikunst und Freestyle-Rappen bleibt, steht zu vermuten, denn Synergien sind Garanten für eine erfolgreiche Zufriedenheit.

7. Platz – 95 Punkte: 2018 | Großkarlbacher Burgweg | Spätburgunder | Weingut Wageck | PFALZ

Seitdem die Brüder Thomas und Frank Pfaffmann ihre Premium-Weine aus dem übrigen Sortiment des Weinguts Pfaffmann herausgelöst haben, ging es mächtig voran. Der Erfolg hat freilich nur zum Teil mit der edel-stylischen Ausstattung ihrer Flaschen zu tun, sondern ist vor allen Dingen einem Stilwandel der Weine zu verdanken. Dass der sich klar am Burgund orientiert, hat einerseits mit der Leidenschaft zu tun, die Thomas Pfaffmann den französischen Pinots entgegenbringt, andererseits aber auch klar auf der Hand liegt, weil die besten Lagen der Pfaffmanns – wie im Burgund – von enorm kalkreichen Böden geprägt sind. Beim Ausbau seiner Weine in neuen und gebrauchten kleinen französischen Eichenholzfässern geht Thomas Pfaffmann äußerst behutsam zu Werke. Selbst in ihrer Jugend wirken die Pinots niemals von rauchigen oder gar schokoladigen Aromen dominiert, stets steuert der wohlüberlegte Holzeinsatz den Weinen jene sublime Würze bei, die einen großen Wein ausmacht. Nichts ist gekünstelt, und künstlich schmeckt er schon gar nicht. Es sind ungemein subtile Spätburgunder, die keiner Kraftmeierei bedürfen, um im Glas zu glänzen. Im Gegenteil: Ihre Strahlkraft verdanken sie einer festen Struktur, feinkörnigen Gerbstoffen und einer geradewegs vibrierenden Säureader. Da nimmt es nicht weiter wunder, dass die Jury sich über eine »fokussierte und klare Frucht« freute und unisono den »straffen Zug am Gaumen« dieses Weines belobigte. Dabei ist wieder einmal erstaunlich, wie es den besten Winzern des Landes gelungen ist, selbst einem heißen Jahr wie 2018 derart elegante Rotweine abgerungen zu haben. Wohin die aromatische Reise der Pfaffmanns geht, scheint jedenfalls klar zu sein: Dicke Make-Up-Weine mit oberflächlicher Toastwürze und kaschierender Alkoholsüße sind ihre Sache nicht. Wageck-Pinots stehen für Eleganz und Subtilität. Unsere Jury goutiert diesen Weg mit größtem Vergnügen. (95)

8. Platz – 95 Punkte: 2018 | Walporzheimer Kräutergarten | GG | Spätburgunder | Weingut Burggarten | AHR

Das Weingut Burggarten an der Ahr konnte seine Qualitäten in den letzten Jahren enorm verbessern. Da nimmt es dann auch nicht wunder, dass es 2019 in den exklusiven Club des VDP (Verband Deutscher Prädikatsweingüter) aufgenommen wurde. Damit ist Burggarten das siebte Weingut, das sich mit dem Adler-Wappen des Verbandes in der kleinen Rotwein-Region schmücken darf. Deutschlandweit zählt der Verband aktuell 197 Mitglieder. Typisch für die Region stehen auch bei Burggarten Spät- und Frühburgunder im Fokus des Portfolios, ergänzt von einem kleinen Teil weißer Burgundersorten. Mit einer Rebfläche von rund 15 Hektar zählt das Weingut zu den größten im Anbaugebiet Ahr. In vierter Generation zeichnen die Brüder Paul Michael und Heiko Schäfer heute für die Gewächse verantwortlich. Ihre Arbeit gelingt ihnen vortrefflich. Aus der von Verwitterungsschiefer und Grauwacke geprägten Lage Kräuterberg ist den beiden im Wüstensommer 2018 ein überaus köstlicher Spätburgunder gelungen. Die Jury zeigte sich von einer »deliziösen Balance aus Konzentration und Klarheit« beeindruckt und lobte eine »noble Toastwürze nebst reichlich süßen Waldbeeren.« Auf die Frage, auf welchen Wein Paul Michael Schäfer besonders stolz sei, hat er einmal in einem Interview geantwortet: »Wenn ich nur einen nennen sollte, dann ist es der Kräuterberg Spätburgunder GG. Diese einmalige Prägung durch Herkunft begeistert mich jedes Jahr.« Wir können ihn in seiner Einschätzung nur bestätigen. (95)

10. Platz – 95 Punkte: 2018 Hochheimer Reichestal Spätburgunder GG | Weingut Künstler | RHEINGAU

In seiner Ausgabe von 2019 titelte der Gault&Millau Weinguide Deutschland eine Geschichte über Pinots aus dem Rheingau mit der Überschrift: »Der Rheingau sieht rot«. Dass sich die Qualitäten der Spätburgunder in dieser Riesling-verwöhnten Region in den letzten Jahren enorm verbessern konnten, steht außer Frage. Etwas bedauerlich allerdings erscheint uns, dass sich der Autor in seinem Artikel fast ausschließlich auf die berühmten Berglagen um Assmannshausen und Rüdesheim bezieht. Der Maingau, also jene Region am Main und in der Gegend um Hochheim gelegen, findet in diesem Text keinerlei Erwähnung. Was umso bedauerlicher ist, da Gunter Künstler dort bereits seit Jahrzehnten exzellente Spätburgunder erzeugt. Der kalkreiche Hochheimer Reichestal ist vom VDP schon lange als »Große Lage« klassifiziert. Innerhalb des Verbands ist Künstler der einzige Winzer, der in diesem wertvollen Weinberg Spätburgunder erntet. Und die haben es in sich. Dass sie hervorragend reifen können, stellte der 2011er eindrucksvoll unter Beweis. Satte 96 Punkte war dieser kraftvoll-würzige Pinot der Jury wert. Der 2018er schließt da nahtlos an. Wenngleich er seine besten Jahre noch vor sich hat. Von »Tabak, rauchiger Toastwürze und konzentrierter Frucht« war da während der Verkostung die Rede. Wenn sich der Holzeinsatz momentan noch recht deutlich zeigt, bleiben vitale Säure und feingriffige Gerbstoffe mitnichten zurück. Auch sie werden dafür Sorge tragen, dass sich auch der 2018er in zehn oder mehr Jahren noch mit quicklebendiger Reife zeigen wird. Reife und Lebendigkeit – ein Widerspruch? Schon sehr lange nicht mehr.

10. Platz – 95 Punkte; 2018 | Bissersheimer Goldberg | Spätburgunder | Weingut Mussler | PFALZ

Das Weingut Mussler besitzt nicht nur beste Parzellen im kalkreichen Bissersheimer Goldberg, sondern befindet sich auch quasi an Ort und Stelle. Am Goldberg 6 lautet die exakte Adresse. Bissersheim ist ein Dorf mit 450 Seelen. Um die Musslers zu finden, braucht es keine Navigationsfunktion in Auto oder Telefon. Die mediterran anmutende Vinothek ist ohnehin kaum zu übersehen. Das Weingut wird heute von Sabine Mussler geführt, die 2016 quasi ins kalte Wasser geworfen wurde, als ihr Mann nach schwerer Krankheit mit nur 40 Jahren verstarb. Tobias Mussler hatte das Weingut ab Ende der neunziger Jahre zu neuen Höhen geführt. Dabei scheute er sich nicht, auch vermeintlich mediterrane Sorten in sein Portfolio aufzunehmen. Seiner Pfälzer Weinheimat blieb er dennoch treu, legte seinen Fokus auf Lagentypizität und einen harmonischen Ausbau seiner Rotweine in kleinen französischen Eichenholzfässern. Dieses Vermächtnis führt seine Witwe, Sabine Mussler, nun weiter und kann sich als Quereinsteigerin auf ein eingespieltes Team verlassen. Steffen Mickley zeichnet für An- und Ausbau der Weine verantwortlich, sein Motto hat der gestandene Weinmann einmal mit »Mut zu Innovation« beschrieben. Dass ihm auch die Tradition am Herzen liegt, machte der Jury vom LagenCup nun der 2018er Spätburgunder aus dem Bissersheimer Goldberg mehr als deutlich. Dass die semantischen Lobhudeleien der Juroren bei diesem exquisiten Wein auch mal auseinandergingen, dürfte nur ein weiteres Zeichen für seine Komplexität sein. Während ein Verkoster »Noten von Reduktion, kaltem Rauch und Süßholz« wahrnehmen konnte, schmeckte ein anderer »konzentrierte Frucht und eine feine, zurücknehmende Säure.« Die Geschmäcker der Verkoster müssen natürlicherweise verschieden sein. Dass sich die Jury bei der Beurteilung dieses Spätburgunders dennoch einig war, ist der hohen Güte des Weines zu verdanken. (95)

10. Platz – 95 Punkte: 2018 | Radebeuler Friedstein | Spätburgunder | Weingut Martin Schwarz | SACHSEN

Martin Schwarz hat im Laufe seiner Karriere viel dazu beigetragen, dass sich die Güte sächsischer Weine enorm gesteigert hat. Nach erfolgreichem Abschluss seines Weinbau- und Önologie-Studiums in Geisenheim heuerte Schwarz im Meißner Weingut Schloss Proschwitz an und übernahm rasch die Verantwortung für den Ausbau der Weine. Dass die Gewächse vom Prinzen zur Lippe auch überregional schnell Beachtung fanden, ist nicht zuletzt dem Einsatz von Schwarz zu verdanken. Aber das sind Western von gestern. Schwarz macht bereits seit einiger Zeit sein eigenes Ding. Dinger müsste es dabei besser heißen, denn der Winzer ist äußerst umtriebig unterwegs. Der granitreiche und mächtig steile Radebeuler Friedstein lag fast 80 Jahre brach, bevor er 2008 von Schwarz und mit finanzieller Unterstützung vom immer noch verschollenen ehemaligen Tengelmann-Chef Karl-Erivan Haub mit viel Aufwand und Leidenschaft rekultiviert wurde. Beim Pinot kamen burgundische Klone zum Einsatz, die Schwarz heute spärliche Erträge mit hocharomatischen Trauben einbringen. Beim Ausbau seiner Weine setzt er auf die besten Fassmacher Europas. Stockinger ist ihm bei den größeren Gebinden einer der liebsten. Nicht zu Unrecht. Die österreichische Manufaktur beliefert die besten Weingüter der Welt. Stockinger-Fässer geben eine unvergleichliche Würze an die Weine ab, ohne ihre kleinste Herkunft dabei zu kaschieren. Richtig ist, dass, diese Gebinde, deren man sich nur mit besten Kontakten und entsprechender Liquidität habhaft machen kann, den natürlichen Geschmack der Weine in ihrer Ausbauphase kongenial unterstützen. Daneben kommen bei Schwarz auch kleine Eichenfässer von französischen Edel-Tonnellerien zum Einsatz. Wenn es um den Einsatz von Eichenholz beim Ausbau seiner Weine geht, ist Schwarz ein delikater Künstler, der sein Handwerk vorzüglich versteht. Das macht auch der 2018er Spätburgunder aus dem Friedberg deutlich, der die Jury mit »ungemein feiner Frucht und packenden, dabei doch eleganten Tanninen und frischem Säurezug« zu überzeugen wusste. (95)

10. Platz – 95 Punkte: 2018 | Hainfelder Letten | »Grande Resérve BK« | Weingut Bernhard Koch | PFALZ

Geradezu einen Kultstatus besitzt das Schild des traditionellen Gutsausschanks des Pfälzer Weinguts Bernhard Koch im beschaulichen Hainfeld. »Wann’s Licht brennt isch uff«, steht da nämlich geschrieben und macht dem interessierten Zecher unmissverständlich klar, dass es auch mal unkonventionelle Zeiten sein dürfen, um die Weine des Weinguts zu verkosten und freilich auch zu kaufen – oder eben auch nicht. In Zeiten der Pandemie gelten solche Ausschreibungen leider nicht. Und wir können nur hoffen, dass die Vergangenheit bald wieder zu einer genussreichen Gegenwart wird. Dabei ist Bernhard Koch indes sicherlich froh, dass er den neuen Weinkeller mit moderner Vinothek bereits vor Corona-Zeiten eröffnen konnte. Hier lässt es sich unter entsprechenden Bedingungen auch schon wieder nach Herzenslust schwelgen und kosten. Koch schickte uns sein Spätburgunder-Flaggschiff aus der kalkreichen Premium-Lage Hainfelder Letten. Den Titel »Grande Resérve BK« vergibt das Weingut ausschließlich an die besten Fässer dieses Weinbergs. Die Flaschenzahl bleibt also entsprechend überschaubar. Mit Chie Sakata verantwortet eine junge Japanerin den Ausbau der Weine. Was umso erstaunlicher ist, da Sakata eigentlich nicht vorhatte, beruflich mit dem Wein anzubandeln. Um die deutsche Sprache zu lernen, strandete sie irgendwann am Bodensee und lernte dabei – neben der Sprache – auch deutsche Weinbaukultur kennen. Beide wurden symbiotisch: Wein-Sprache. Nach Ausflügen unter anderem in Neuseeland, Südafrika oder Südtirol absolvierte sie ihr Techniker-Studium in Weinsberg und heuerte beim Koch als Kellermeisterin an. Ihr Handwerk versteht sie ausgezeichnet. Wenn es die Jury vom LagenCup Rot nun nur mit dem Spitzen-Pinots des Weinguts zu tun bekam, dürfen wir an dieser Stelle auch unbedingt auf die weißen Gewächse des Hauses Koch verweisen. Auch dafür beweist Sakata ein delikates Händchen. Die Meinung der Jury für den »großen Letten« lässt sich so zusammenfassen: »Komplex, lebhaft und lang. Toller Trinkfluss inklusive.«

Frühere Ausgaben des LagenCups

LagenCup 2020 Weiß: Die besten Lagenweine Deutschlands

Wenn Deutschlands Weißweinkultur bis heute auf der ganzen Welt für seinen Riesling gelobt wird, darf nicht außer Acht gelassen werden, dass vor allem die Burgundersorten und der Silavner in den letzten Jahren einen enormen qualitativen Schub erleben. Die Ergebnisse des LagenCups Weiß 2020 machen das nur allzu deutlich. Württemberg schiebt sich mächtig nach vorne.

Der LagenCup richtet sich an deutsche Weine, die ausschließlich aus einer bestimmten Weinbergslage stammen dürfen. Rund 700 Weißweine aus allen bedeutenden deutschen Anbaugebieten standen zur Verkostung bereit. Eine hochkarätige Jury aus Sommeliers und Weinjournalisten beurteilte die Weine in einer verdeckten Probe nach dem international gängigen 100-Punkte-System.

An der Spitze steht ein Riesling, dessen Heimat sich gewiss zu den Profiteuren der Klimaerwärmung zählen darf

Ob der Jahrgang 2019 in die Weingeschichtsbücher eingehen wird, muss erst die Zukunft zeigen. Fest steht, dass es die Jury mit einer großen Anzahl hochkarätiger Gewächse zu tun bekam. Doch waren es nicht allein Weine aus dem aktuellen Jahrgang, die die Bestenliste der trockenen weißen Weine im LagenCup ausmachten. Es durften sich auch einige reife Jahrgänge dazugesellen, die der Jury noch gar nicht reif vorkamen. Dass es der Riesling ist, der am Ende den Löwenanteil der Siegerweine ausmacht, ist schlicht damit begründet, dass seine Fläche rund ein Viertel des gesamten deutschen Anbaugebiets ausmacht. Da einige Tropfen auf der exakt gleichen Punktzahl landeten, besteht die Top Ten der trockenen Weine aus mehreren Gewächsen. An der Spitze steht ein Riesling, dessen Heimat sich gewiss zu den Profiteuren der Klimaerwärmung zählen darf. Angrenzend an den legendären Scharzhofberg an der Saar befindet sich der Wiltinger Braunfels, zu dessen wertvollsten Parzellen der »Volz« zählt. Seit 20 Jahren investiert der studierte Wirtschaftsbiograph und Betriebswirt Roman Niewodniczański in diese alten und vor rund hundert Jahren besonders gesuchten Lagen. Die schattigen, aber mit ausreichend Grundwasser versorgten Schiefer-Parzellen bieten beste Voraussetzungen, um auch in heißen und trockenen Jahren bestens ausgereifte Trauben hervorzubringen. Waren es in der Vergangenheit meist restsüße Weine, für die das Gebiet berühmt und berüchtigt war, sind unter den heutigen Bedingungen immer öfter auch exzellente trockene Rieslinge möglich. Der 2019er »Volz« ist ein graziöser Monolith, der die Jury einhellig begeisterte. Dazu braucht es keinerlei Zitat der Verkoster. Der Wein steht für sich selbst.  

Geeignete Maßnahmen im Weinberg und schonende Behandlung im Keller

Doch nicht allein das Klima ist ausschlaggebend für eine Veränderung der Weinstile. Längst haben die Winzer auf die neuen Bedingungen reagiert, damit auch der Riesling in Deutschland eine vitale Zukunft hat. Dazu gehören geeignete Maßnahmen im Weinberg genauso wie schonende Behandlung der Trauben im Keller. Lange Zeit galt das süddeutsche Anbaugebiet Württemberg als Herkunft süffiger Alltagsweine. In letzter Zeit zeigt sich jedoch immer häufiger, wie viel Herzblut die Winzer in ihre Weine investieren, um den Alltag wie auch das delikate Abendmahl perfekt zu begleiten. Der ungemein mineralisch-würzige Riesling aus der Lage Bönnigheimer Steingrüben vom Weingut Dautel erreichte mit nur wenig Abstand zum »Volz« einen mehr als verdienten zweiten Platz. Ein großer trockener Riesling, der es schafft, Kraft und Grandezza in einem fulminant-deliziösen aromatischem Bündel zu konzentrieren, dass es die höchste Freude der allermeisten anwesenden Verkoster war. Eine Selbstverständlichkeit ist das beileibe nicht. Schließlich handelt es sich beim LagenCup um eine Blindprobe, bei der keiner der Verkoster beim Probieren wusste, welcher Wein genau und aus welcher Region in seinem Glas landen würde. Zwischen himmelhochjauchzend und nur einen Hauch darunter fielen dann auch die Bewertungen aus, die logischerweise im Schnitt stets unter den momentan modischen 100 Punkte liegen mussten. Ein Panel bestand jeweils aus fünf Verkostern. Wenn sich diese vier einmal auf eine Bestnote von 100 Punkten einigen, muss noch viel mehr als Wasser den Rhein, Mosel, Saar und Ruwer heruntergeflossen sein. Wovon kaum auszugehen ist. 

Franken zählt heute zu den besten Herkünften des Silvaners

Als unbedingt ernsthaft muss in Deutschland die Rebsorte Silvaner notiert werden. Sie wird im großen Weinkontext bis heute noch hinter ferner liefen beurteilt, was umso trauriger ist, da die Varietät lange Zeit die meistangebaute in Deutschland war. In Rheinhessen, vor allem aber in Franken, hat sie sich bis heute sehr standhaft gehalten. Franken zählt heute zu den besten Herkünften des Silvaners. Er ist milder im Geschmack als der Riesling, kann durch seine vermeintlich neutrale Aromatik seine ursprüngliche geologische Herkunft viel besser aufnehmen und am Ende auch zeigen. Silvaner ist ein Terroir-Wein sondergleichen. Sie in einen Wein zu transkribieren, ist eine schwere Aufgabe. 

Über den LagenCup:

Die Herkunft des Weines wird immer wichtiger. Die Zeiten in dem das „Germanische Weinsystem“, in der die Rebsorte am wichtigsten ist, ist langsam vorbei. Ganz nach dem französischen Vorbild „das Cru-System“, oder auch „romanisches System“, in dem die Herkunft ganz oben steht, etabliert sich auch Stück für Stück in Deutschland. Zuletzt mit der Veränderung des Weingesetztes diesen Jahres, in dem die Herkunft beim Wein ein ganzes Stück wichtiger geworden ist. Nach diesem Vorbild wird der LagenCup geführt. LagenCup ist ein Weinwettbewerb und konzentriert sich ausschließlich auf Lagenweine. Eine Lage ist ein klar definierter und genauer Bereich eines Weinbergs. Damit ein Wein sich als ein Lagenwein bezeichnen darf, müssen die Trauben, egal welche Rebsorte, aus einer einzigen Lage stammen. Außerdem stellt der Lagenwein die Spitze der Wein-Qualitätspyramide dar und ist quasi der Premiumwein der Weingüter. Mit einer Experten-Jury, bestehend aus Weinjournalisten und Sommeliers, werden die angestellten Weine blind und nach dem 100-Punkte-System verkostet und bewertet. Beim diesjährigen LagenCup Weiß 2020 hat die 10-köpfige Jury über sechs Verkostungstage 700 Lagenweine verkostet und bewertet. Der LagenCup wird von dem Berliner Sommelier und Inhaber des Lokals „der Weinlobbyist – Bistro&Weinbar“, Serhat Aktas organisiert.

Top Ten - Die zehn besten Weine des LagenCups

PLATZ 1: 2019 Volz GG, Riesling GG, Weingut Van Volxem, SAAR / MOSEL

​Bis zum Inkrafttreten des Weingesetztes von 1971 war die schiefrig-steile Parzelle »Vols« eine begehrte Einzellage mit klangvollem Namen und vielgerühmten Rieslingen. 1971 ging sie im Wiltinger Braunfels auf – und ihr Name damit unter. Roman Niewodniczański hat sie zu neuem Leben erweckt und aus dem »s« ein »z« gemacht, um rechtlichem Ungemach ein Schnippchen zu schlagen. Vor rund 20 Jahren hat er das Weingut Van Volxem aus seinem Dornröschenschlaf geweckt und der Saar seitdem entscheidende Impulse gegeben. Rieslinge von der Saar sind heute beinahe wieder so gefragt, wie sie es vor hundert Jahren bereits einmal waren. Ob der 2019er »Volz« der beste ist, der je unter seiner Ägide erzeugt worden ist, wird sich noch zeigen müssen, denn dass er grandioses Potenzial besitzt, steht außer Frage. Die Jury zeigte sich begeistert von einer »straffen und salzig-mineralischen Struktur« und lobte seine »ebenso feine Frucht wie reife Säure« über den Klee.  (97 Punkte)

PLATZ 2: 2019 Bönnigheimer Steingrüben, Riesling GG, Weingut Dautel, WÜRTTEMBERG

Der Aufwärtstrend in Württemberg ist ungebrochen. Nachdem bereits beim LagenCup Rot eine Vielzahl hochkarätiger Spätburgunder aus dem Ländle auf den vordersten Plätzen landeten, ziehen nun auch die Rieslinge nach. Obwohl die Varietät mit rund 20 Prozent der gesamten Anbaufläche die meistangebaute Weißweinsorte der Region ist, sorgten die Weine in der letzten Vergangenheit nur selten für überregionale Furore. Das ändert sich gerade. Und zwar dramatisch. Christian Dautel ist mit dem Bönnigheimer Steingrüben ein ebenso vielschichtiger wie pikanter Riesling gelungen. Die Juroren notierten »eine wundervoll klare Struktur bei pikanter Säure, rauchig prononcierter Mineralik und exzellenter Länge.« Was einerseits der minimal-invasiven Arbeit von Dautel im Keller geschuldet ist, andererseits aber ohne die delikaten Besonderheiten der Lage nicht möglich wäre. Die rund 35 Jahre alten Reben wachsen auf mineralisch verdichteten Schilfsandböden mit einer Steigung von bis zu 50 Prozent. Aus diesen Bedingungen leistet Dautel Außerordentliches. (96 Punkte)

PLATZ 3 (2x): 2017 Bechtheimer Rosengarten, Riesling, Weingut Dreissigacker, RHEINHESSEN

Die Winzer Rheinhessens konnten bei der Qualität ihrer Weine in den letzten Jahren enorm zulegen. Das gilt insbesondere für den Riesling, der im Roten Hang mit seinem Rotliegenden oder etwa in den kalkreichen Lagen des Wonnegaus exzellente Bedingungen für große Weine vorfindet. Dass die Gewächse ein beachtliches Reifepotenzial besitzen, ist indes nur einer kleinen Schar Weinfreaks bekannt. Was vor allem daran liegt, dass die besten Tropfen ab Weingut rasch ausverkauft sind und zu früh getrunken werden. Jochen Dreissigacker hält bereits seit einigen Jahren eine Auswahl seiner besten Lagenwein zurück, bevor er sie in den Verkauf bringt. Wie gut diese Ruhephase den Weinen bekommt, machte der 2017 Riesling aus der lösslehmigen Lage Rosengarten der Jury nun nur allzu deutlich: Die Jury freute sich über eine »superreife Frucht nebst mineralisch anklingenden Feuersteinnoten und einen kompakt-konzentrierten Körper.« Dabei waren sich alle Experten darüber einig, dass die Reife seiner mutmaßlich jugendlichen Wucht ganz wunderbar zu Gesicht steht. Da geht noch was. (96 Punkte)

PLATZ 3 (2x): 2017 Westhofener Morstein, Riesling GG, Weingut Gutzler, RHEINHESSEN

Mit rund 35 Prozent der Gesamtfläche ist der Anteil roter Sorten für ein Weingut in Rheinhessen bei Gutzler vergleichsweise hoch. Dass der Spätburgunder dabei an der Spitze steht, verwundert weniger als die köstliche Tatsache, dass das Weingut auch der oft geschmähten Sorte Dornfelder unverschämt würzige Weine abringt. Und der Riesling, kommt der bei diesem roten Donnerwetter am Ende etwa zu kurz? Freilich nicht. Mit rund zweieinhalb Jahren Flaschenreife hat der fulminante Morstein jetzt seine erste Genussphase erreicht. Ein Juror verfiel in jugendlich-euphorische Umgangssprache und notierte: »verdammt geil strukturiert.« Andere zeigten sich von seiner »delikaten Ausgewogenheit« begeistert. Wie dem auch immer sei. 2017 ist der erste Jahrgang, den Michael Gutzler ohne das Zutun seines viel zu früh verstorbenen Vaters Gerhard erzeugte. Mit dem Morstein hat Michael Gutzler ihm ein köstliches Weindenkmal gesetzt. (96 Punkte)

PLATZ 4: 2019 Bechtheimer Rosengarten, Riesling, Weingut Spiess, RHEINHESSEN

Der Lagenname Rosengarten kommt in Deutschland recht häufig vor. Dass er in unserer Top Ten gleich zweimal auftaucht, ist also durchaus nachvollziehbar. Erstaunlich indes ist die Tatsache, dass es sich in beiden Fällen um den Rosengarten in der Gemeinde Bechtheim handelt. Eine bis zu 185 Meter hohe und nach Süden ausgerichtete Hanglage mit sandigen Lehmlössböden. Vor allem dem Löss wird gerne nachgesagt, dass sich dieser Untergrund vor allem für früh trinkreife und fruchtbetonte Weine eignet. Gewiss besitzt auch der Rosengarten der Brüder Christian und Johannes Spiess reichlich saftige Frucht. Doch die steht beileibe nicht allein da, sondern wird von einer fulminanten Würze begleitet. Ein Juror fühlte sich gar an einen Wein aus dem Jura erinnert, dessen beste Exemplare weniger mit Frucht als mit einer ausgeprägten Würze glänzen. Einig war sich die Jury über das Potenzial des Rosengartens. Eine Notiz bringt es auf den Punkt: »Noch wild und ungestüm, seine große Zeit steht noch bevor.« (96 Punkte)

PLATZ 5: 2019 Monzinger Halenberg, Riesling GG, Weingut Emrich-Schönleber, NAHE

Dass der Monzinger Halenberg einen so ausgezeichneten Ruf in der Weinwelt besitzt, hat auch mit der detailverliebten Arbeit der Familie Schönleber zu tun, die dieser spektakulären Schiefer-Quarzit-Steillage Jahr für Jahr ebenso spektakuläre Rieslinge abringt. Mit mehr als 40 Jahren Berufserfahrung hat Werner Schönleber den Stil der Weine nicht nur maßgeblich geprägt, sondern begleitet sie bis heute aktiv im Weinberg und Keller. Die Geschäfte hat er mittlerweile an seinen Sohn Frank übergeben, der von der Expertise seines Vaters einerseits profitiert und andererseits seinen eigenen Stil verfolgt. Der 2019er Halenberg macht das nur allzu deutlich, wenn ein Juror notierte: »Feine Reduktionswürze bei brillanter Struktur und salzig-mineralischem Finish.« Vielleicht wie bei noch keinem Halenberg zuvor spielt die mineralische Würze eine entscheidende Rolle, ohne die klarfruchtige Strahlkraft dieses Weltklasse-Rieslings in den Schatten zu stellen. Da wollten die Lobgesänge der Jury auch nicht enden, die hier zu zitieren, der Platz leider einfach nicht ausreicht. Machen wir es also kurz: Der 2019er Halenberg ist eine große Delikatesse. (96 Punkte)

PLATZ 6: 2019 Stettener Stäudlen, Riesling Erste Lage, Weingut Karl Haidle, WÜRTTEMBERG  

Moritz Haidle musste das Zepter im elterlichen Weingut früher übernehmen, als ihm das damals eigentlich lieb war. Graffitisprayen und Rapmusik waren damals seine Welt. Doch weil sein Vater schwer erkrankte, blieb ihm nichts anderes übrig als den Sprung ins kalte Wasser zu wagen. Seitdem hat sich eine Menge getan. Im übertragenen Sinn könnte man sagen, dass Moritz dem Weingut einen frischen Anstrich und neuen Sound verpasste. Dabei hat er es sowohl musikalisch als auch grafisch beileibe nicht übertrieben. Riesling und Lemberger stehen im Zentrum seines Schaffens. Die Etiketten blieben traditionell. Moritz‘ Revolution ist friedlich verlaufen. Die Veränderungen sind tiefgreifender – man sieht sie nicht, man schmeckt sie. Der Vater kann mächtig stolz auf seinen Sohn sein. Am oberen Rand von Stetten, quasi in einem Kälteloch, wollte er schon lange einen Lagenriesling ausbauen. 2019 hat er sich nun erstmals gewagt aus der kargen Mergel-Kieselsandsteinlage einen Riesling zu kreieren. Spontan und im Holz vergorenß, ist ihm dieser Wein so vortrefflich gelungen, dass er gar nicht anders konnte, als den Wein als separates Gewächs auszubauen. Er wusste die Jury voll und ganz zu überzeugen. »Vielschichtig, würzig und supersaftig« vermerkte ein Juror, während sich ein anderer über »eigenständigen Charakter mit würzigem Tiefgang und exzellenter Länge« begeistert zeigte. (96 Punkte)

PLATZ 7: 2017 Escherndorfer Am Lumpen 1655, Riesling GG, Weingut Egon Schäffer, FRANKEN

Korrekt heißt die Lage eigentlich nur Escherndorfer Lump, doch da Frankens VDP-Winzer, die im Besitz von Parzellen in diesem Weinberg sind, ihre besten trockenen Weine als Groe Gewächse herausstellen wollten, steckten sie kurzerhand ihre Premiumparzellen ab und tauften den Bereich »Am Lumpen 1655«. Auch das Weingut Egon Schäffer war damals mit von der Partie und stellte uns mit seinem 2017er einen Riesling vor, dem seine zart einsetzende Reife vorzüglich zu Gesicht steht. Von »salziger Kontur bei straffer Struktur und sehr guter Länge« war in der Juryrunde die Rede. Was sich nicht danach anhört, dass Schäffers Riesling aus dem Escherndorfer Lump am Lumpen 1655 seinen Zenit in absehbarer Zeit überschritten haben wird, sondern seine besten Jahre womöglich erst vor sich hat. Apropos Jahre: Die Familiengeschichte der Schäffers in Escherndorf lässt sich rund 500 Jahre zurückverfolgen. Verwurzelter kann man mit seiner Heimat kaum sein. Da nimmt es auch nicht wunder, dass man bei der Geschmacksbeschreibung »fränkisch trocken« keinen Spaß versteht. Dem Lumpen aus 2017 gestatteten sie immerhin ein knappes Grämmchen. Das ist sparsam, schmeckt aber großartig. (95 Punkte)

PLATZ 8: 2019 Kallstadter Saumagen, Riesling GG, Weingut Philipp Kuhn, PFALZ

Beim LagenCup Rot im letzten Frühjahr belegte Philipp Kuhns Spätburgunder aus dem Laumersheimer Steinbuckel den ersten Platz. Nun hat es Kuhn auch mit einem Riesling auf die vordersten Plätze geschafft. Der Mann ist ein Könner in Rot und Weiß. Jetzt könnte man einwenden, dass Kuhn mit einem Wein aus einer der wertvollsten Lagen der Pfalz an den Start gegangen ist und es wenig verwundert, damit in der Top Ten zu landen. Dazu allerdings ist zu sagen, dass eine Lage immer nur so viel wert ist, wie sie ihr Winzer zu nutzen weiß. Kuhns Großes Gewächs aus dem kalkreichen Kallstadter Saumagen jedenfalls wurde von der Jury unisono begeistert abgefeiert. »Klar, saftig, komplex und furztrocken« bemerkte ein Juror begeistert. Auch die anderen Stimmen klangen nicht minder euphorisch: »Straffe Säure bei reifer Fülle und hervorragender Länge« preiste ein anderer Experte das delikate Gewächs. Nun mag sich der eine oder andere Leser fragen, warum dieser Wein keine 100 Punkte erreicht hat. Die Antwort ist recht einfach: Alle Weine wurden verdeckt probiert, was bedeutet, dass jedem der vier Verkoster im Pan seel einzig Jahrgang und Rebsorte bekannt gemacht wurden. Da dürfen, nein müssen die Geschmäcker verschieden sein und machen die Höchstnote von 100 Punkten praktisch unmöglich. Ein Manko? Nicht unbedingt. (95 Punkte)

PLATZ 9: 2019 Escherndorfer Am Lumpen 1655, Silvaner GG, Weingut Horst Sauer, FRANKEN

Das Weingut Horst Sauer bewirtschaftet feinste Parzellen im legendären Escherndorfer Lump. Die an vielen Stellen extrem steile Lage mit ihren tiefgründigen Muschelkalkböden ist in eine kesselartige Landschaft eingebettet, die sie einerseits vor kalten Winden schützt und andererseits als Sammelbecken für warme Luftmassen dient. Da dürfte die Arbeit im letzten Sommer nicht immer ein Vergnügen gewesen sein, wenn die Temperaturen auch ohne den natürlichen Wärmespeicher Lump regelmäßig die 30 Grad Marke überschritten. Mit eleganten und frischen Weinen war also nicht zu rechnen, sollte man meinen. Aber erstens kommt es anders, und zweitens als man denkt. Denn Horst Sauer ist ein akribischer Arbeiter im Weinberg, der jede seiner rund 125 Parzellen über das ganze Jahr im Auge behält und nur dort eingreift, wo es nötig ist. 2019 bedeutete das vor allem, die Trauben vor Sonnenbrand zu schützen und einer unkontrollierten Zuckereinlagerung entgegenzuwirken. Blätter wurden nur behutsam oder gar nicht entfernt, weil sie den Trauben als Sonnenschirm dienen. Die Lese begann bereits am 12. September und war nach 22 Tagen auch schon wieder vorbei. Rekordzeit! Horst Sauers Tochter, Sandra, führt Regie im Keller. Und die durfte sich über topgesunde und reife, aber eben nicht überreife Trauben freuen, die dazu noch erfreulich hohe Säurewerte in petto hatten. Der 2019er Am Lumpen macht keinen Hehl daraus, dass es den Sauers bei ihren Weinen um Frucht und Trinkfreude geht. Und das gilt für den Gutswein bis zum Großen Gewächs. Was sich in der Hierarchie der Weine verändert, sind Komplexität, Mineralik und Reifepotenzial. Wenn ein Juror notierte, dass sich »hinter der exotisch anmutenden Frucht eine delikate Bodenwürze nebst pointierter Säure« verbirgt, hat er die Philosophie des Weinguts womöglich auf den Punkt getroffen. Gegen eine intensive Frucht in der Jugend haben die Sauers nämlich nichts einzuwenden, die mit weiterer Reife allerdings nicht einsam verdorrt, sondern den ursprünglichen Charakter in jedem Jahr weiter freigibt. Man sollte sich also nicht täuschen lassen, war sich die Jury einig: »Das ist ein Silvaner für eine lange Zukunft.« (95 Punkte)

PLATZ 10 (3x): 2018 Deidesheimer Paradiesgarten, Weißburgunder, Weingut Seckinger, PFALZ

Als gastronomisch vielseitig einsetzbar werden Weine aus der Rebsorte Weißburgunder des Öfteren beschrieben. Und man weiß nicht, ob das nun ein Lob oder ein Tadel bedeutet: Adaption vs. Langweile. Für den Weißburgunder der Brüder Seckinger aus Niederkirchen in der Pfalz trifft jedenfalls beides nicht wirklich zu. Sie bauen ihre Weine stets spontan und gerne in Eichenfässern vergoren, durften anecken und im wahrsten Sinne des Wortes für Diskussionsstoff sorgen. Dass sie dennoch über einen geradewegs himmlischen Trinkfluss sorgen, ist dem Feingefühl und dem Talent der Brüder für ein sensibles Getränk wie dem Wein zu verdanken. Ihr Weißburgunder aus dem Deidesheimer Paradiesgarten machte das nur allzu deutlich. Auf dem Papier mögen sich über neun Promille Säure abenteuerlich ausnehmen, im Glas fallen sie delikat ins Gewicht: »Einen derart markanten Weißburgunder hatte ich noch selten«, berichtet ein Juror, während ein anderer »eine famose Würze und phenolische Kontur« zu goutieren wusste. Dabei kommt die Frucht nicht zu kurz, ist jedoch nur ein Instrument in einem hochdelikaten Aromen-Orchester. (95 Punkte

PLATZ 10 (3x): 2019 »Opus-Oskar«, Chardonnay, Weingut Jülg, PFALZ

Familie Jülg taufte ihre Super-Premium-Reihe zunächst »Opus O«. Weil der Name jedoch eine gewisse Ähnlichkeit zum Icon-Wein »Opus One« von Mondavi & Rothschild besitzt, bekamen es die Jülgs rasch mit deren Anwälten zu tun. Schließlich fügten sie dem Initial den ganzen Namen »Oskar« bei. Was am Ende auch etwas Gutes hatte. Schließlich war es Oskar Jülg, der das Weingut 1961 gegründet hat. Jetzt weiß jeder schneller, was es mit dem Oskar auf sich hat. Dabei handelt es sich um Fassselektionen aus den besten Lagen der Jülgs, die hier, im Süden der Pfalz, meist auf deutschem und französischem Terrain stehen. Ihr 2019er ist vorzüglich gelungen. Wieder einmal. Die Jury verfiel in geradewegs frenetischen Beifall, beklatschte seine »delikate Toastwürze« und eine ebenso »komplexe wie feste Frucht«. Man ahnt es schon. Der »Opus Oskar 2019« ist kein vordergründiger Chardonnay mit einem kitschigen Makeup aus softem Saft mit Vanillegeschmack, sondern ein Wein, der die Sorte Chardonnay nicht nur in Deutschland zu neuen Höhen transportiert. (95 Punkte)

PLATZ 10 (3x): 2017 Siefersheimer Heerkretz, Riesling GG, Weingut Wagner-Stempel, RHEINHESSEN

Daniel Wagner und sein Mitarbeiter Oliver Müller verfassen seit einiger Zeit für jeden Jahrgang ihre sogenannte »Herbstblätter«. Darin geben sie ebenso kompetent wie leidenschaftlich über die Arbeit der letzten Monate Auskunft. Der Bericht über den Werdegang von 2017 liest sich wie ein Drama mit Happy End. Frost im Frühling und Hagel Ende August führten zu hohen Ernteverlusten, dem das Team von Wagner einen Stempel mit peniblen Selektionsarbeiten im Weinberg entgegensetzte. Aufgrund des wechselhaften Wetters über das ganze Jahr hinweg, war ohne gründliches Verlesen kein Staat zu machen. Dieser Entscheidung ist es zu verdanken, dass auch in der steilen und schroffen Lage Heerkretz Ende September bestens ausgereifte Trauben mit markanten Säurewerten gelesen werden konnten. »Wunderbar kräuterwürzig und straff am Gaumen« konnte sich ein Verkoster begeistern. Von einer »vielschichtigen und glasklaren Struktur« wusste ein anderer Juror zu berichten. Es bestand also absolute Einigkeit darin, dass die Heerkretz aus 2017 ein grandioser Wein ist und erst am Anfang seiner steilen Karriere steht. (95 Punkte)

Der Sieger: Weingut Van Volxem

Wenn heute wieder vermehrt und auch international wahrnehmbar von den Rieslingen der Saar die Rede ist, hat Roman Niewodniczański einen gehörigen Anteil daran. Dabei ist es ihm um die historische Vergangenheit, dieser einst so ruhmreichen und edlen Weinbauregion, ebenso zu tun wie um handwerklich erzeugte Weine auf höchstem Niveau. Wir wissen es noch nicht. Aber womöglich hatten wir es beim 2019er Volz mit dem vorzüglichsten Riesling zu tun, der je auf diesem Weingut erzeugt wurde.  

Zuletzt hat er sich den Geisberg vorgenommen. Der einst so ruhmreiche und steile Weinberg an der Saar geriet in den letzten Jahrzehnten zusehends in Vergessenheit. Dabei gehörten die Rieslinge aus Ockfen vor rund 120 Jahren zu den feinsten Weinen der Welt – auf Augenhöhe mit denen vom Scharzhofberg. Die schweren roten Gewächse aus dem Burgund oder dem Bordelais entsprachen damals nicht unbedingt einem Zeitgeist, der vom industriellen Aufschwung und dem Glauben an unendlichen Fortschritt geprägt war. Goutiert und nicht selten auch besser bezahlt, wurde die schwunghafte Leichtigkeit. Und die brachten die Weine von Mosel, Saar und Ruwer auf unvergleichliche Art und Weise an den Gaumen ihrer Zecher. Die Weine waren en vogue.

In den Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg, als es wieder bergauf ging mit der deutschen Wirtschaft, wuchs sich der Geisberg erst zu einem permanenten Driesch und später zu einem veritablen Wald aus. Deutschland hatte Appetit, aber keinen Geschmack mehr. Werden Reben aus wirtschaftlichen Gründen nicht herausgerissen oder gehen an Pandemien zugrunde, haben sie in der Regel eine deutlich längere Lebenserwartung als Menschen. Darüber hat der studierte Betriebswirt und Wirtschaftsgeograf seine Philosophie begründet:

»Make Saar Wine great again«

Aus der Wildnis im Geisberg hat er einen Riesling-Weinberg wiedererschaffen, von dessen Früchten er sicherlich noch zu Lebzeiten kosten wird dürfen, deren Weine allerdings – so steht zu vermuten – erst nach seinen Lebzeiten zu wahrer Größe auflaufen werden. Roman Niewodniczański ist ein Hüne, über zwei Meter misst der Mann. Mit seinem Background und der Bitburger-Dynastie im familiären und finanziellen Rücken könnte man meinen, dass er die Situation stets von oben und bisweilen arrogant beschaut. Nichts ist weniger der Fall.

Als Niewodniczański das Weingut Jordan & Jordan vor rund 20 Jahren übernahm, hat er nicht nur ein heruntergewirtschaftetes Unternehmen übernommen, sondern sich auch für eine Region entschieden, deren Namen dermaleinst für die wertvollsten Weine der Welt standen. Er muss eine Mission gehabt haben. Und die hat er bis heute. Ob Geisberg, Gottesfuß oder Vols: Wenn es um die ruhmreiche Vergangenheit des deutschen Rieslings geht, gibt es hierzulande und vermutlich auf der ganzen Welt keinen beflisseneren Kenner als Niewodniczański. Unzählige Menü- und Kataster-Karten hat er in seiner Bibliothek archiviert. Sie sind nicht nur historisches Zeugnis der hohen Wertschätzung, die damals dem Riesling von der Saar entgegengebracht wurde, sondern auch Romans Antrieb dort aufzubauen, was frühere Generationen zerstört haben. Der Wein konnte nichts dafür. So waren und sind es bis heute besonders die allerältesten Weinberge, die Roman für seine Rieslinge bevorzugt. Der einmalig elegante und dennoch konzentrierte Geschmack seiner Rieslinge hänge unmittelbar auch mit den wurzelechten Reben zusammen, sagte Roman einmal. Darüber wird bereits seit längerer Zeit leidenschaftlich gestritten. Dabei müsste doch die Frage lauten, warum bis zum Inkrafttreten des Weingesetzes von 1971 die schiefrig-steile Parzelle »Vols« eine begehrte Einzellage mit klangvollem Namen und vielgerühmten Rieslingen war und danach in der Versenkung verschwand.

1971 ging sie im Wiltinger Braunfels auf – und ihr Name damit unter. Roman Niewodniczański hat sie zu neuem Leben erweckt und aus dem »s« ein »z« gemacht, um rechtlichem Ungemach zunächst einmal ein Schnippchen zu schlagen. Heute ist das Gewann vom hochangesehenen Verband der deutschen Prädikatsweingüter (VDP) als sogenannte »Grosse Lage« anerkannt. Die mithin besten Weine aus uralten und wurzelechten Reben entstehen aus ihr. Es ist eine ebenso akribische wie leidenschaftliche Arbeit, die Roman an der Saar in den letzten 20 Jahren vollbracht hat und vor allem: immer noch voranbringt. Fast könnte man den Mann als einen Wein-Archelogen beschreiben, der einen Genuss ins Glas des Zechers bringt, der mehr oder weniger fast vergessen war. Und womöglich hatten wir es beim 2019er Volz mit dem vorzüglichsten Riesling zu tun, der je auf diesem Weingut erzeugt wurde. Wer weiß? Time goes on with Niewo.  

Winzerin des Jahres – Sandra Sauer vom Weingut Horst Sauer

»Und, wie stellen wir das nun an?«, wird sich Sandra Sauer womöglich das ein oder andere Mal gefragt haben, als sie vor einigen Jahren die Verantwortung im Keller ihres Vaters übernommen hat. Der kümmert sich unterdessen am liebsten um seine Weinberge und überlässt seiner Tochter das Zepter an den Fässern. Das Rezept zahlt sich aus. Die Sauer’schen Weine haben an Eleganz zugelegt, ohne ihren ursprünglichen Stil zu verleugnen. Im Gegenteil. Vater und Tochter müssen nicht immer einer Meinung sein, haben aber einen vorzüglichen Geschmack (weiter)entwickelt.

Zum Silvaner verbindet sie eine Hassliebe, sagt Sandra Sauer. Im Weinberg verlange die Sorte auch wegen ihrer enormen Wuchskraft uneingeschränkte Aufmerksamkeit und ergänzt: »Da muss man sie zuweilen schon etwas zügeln, wenn man Spitzenweine im Auge hat.« Dabei hat sich der Stil der Sauer’schen Weine nicht grundlegend verändert, seit Sandra 2005 peu à peu die Verantwortung im Keller übernommen hat. Sie hat ihn verfeinert. Um etwa den Charakter der einzelnen Parzellen noch exakter herauszuarbeiten, hat sie die Anzahl großer Stahltanks zugunsten kleinerer Gebinde reduziert.

Sandra versuchte sich an der spontanen Vergärung der Moste. Anfangs in kleinen 300 Liter-Gebinden. Mittlerweile werden alle Großen Gewächse der Sauers mit eigenen Hefen vergoren. Es sind die kleinen Stellschrauben, an denen sie dreht, die tatsächlich immer feinsinniger und diffiziler werden, wenn sich gleichzeitig auch Leidenschaft und Anspruch verändern. Das Weingut Horst Sauer ist ein Silvaner-Weingut. Eine Sorte, die lange Zeit den deutschen Weinbau prägte, bevor sie ab den neunziger Jahren vom Riesling überflügelt wurde. Zu Unrecht, wie sich heute erweist. Ihre vermeintlich unscheinbare Art als Wein hat es nämlich faustdick hinter den Ohren. Vielleicht können wir sogar die Tage zählen, bis der Silvaner den Riesling als deutschen Terroir-Wein par excellence vertritt. Das allerdings muss eine köstliche Mutmaßung [sic!] bleiben. Dabei steht außer Frage, dass eine Rebsorte nur selten dafür schuldig gemacht werden kann, dass der aus ihr erzeugte Wein zuweilen den Zechern irgendwann nur noch mäßig schmeckt. Dem Müller-Thurgau erging es so, später auch dem Silvaner. Die Varietäten trifft keine Schuld. Wein wird von Menschenhand gemacht.

13 Hektar betrug die Rebfläche, als Sandra 2005 in den elterlichen Betrieb einzog. Heute sind es rund 20. In einem Interview hat Sandra einmal gesagt, dass sie nichts davon halte, wenn man als junger Mensch nach der Ausbildung auf das elterliche Weingut zurückkehre, um es am nächsten Tag auf links zu drehen. Wenn es auch Dinge gab, die ihr bei der Arbeit ihres Vaters einmal nicht gefallen haben, so hat Sandra sie nicht per se abgelehnt, sondern zunächst ruhig und kritisch hinterfragt. Das Fundament einer konstruktiven Zusammenarbeit zwischen Vater und Tochter. Dabei ist es sicherlich keine schlechte Entscheidung gewesen, die Kompetenz für Weinberg und Keller zu trennen. Schließlich haben beide am Ende doch ihre eigenen (Dick)Köpfe. Ob es bei den Sauers stets nach dem Motto »Friede, Freude, Eierkuchen« zugeht, darf auch deshalb unbedingt bezweifelt werden. Denn Wein ist kein Naturprodukt. Es braucht den Menschen, damit er überhaupt auf die Welt kommen kann. Und darüber, wie er das tut, gibt es seit Menschengedenken unzählige unterschiedliche Ansichten, die auszutauschen ebenso destruktiv wie konstruktiv verlaufen können.

Sandra hat sich für die feine Klinge entschieden, deren Erfolg für ein Touché aus drei Schritten bestehen könnte: »Beobachten, Verstehen, Verbessern«. Ihr Vater lässt sich davon überzeugen, hat aber weiterhin das letzte Wort, wenn es um die Arbeiten im Weinberg geht. Genauso wie Sandra ihre Hand über die Fässer hält. In der Mitte werden sie sich dennoch oft treffen. Denn Escherndorf ist klein. Das Team des LagenCups freut sich, den Titel »Winzerin des Jahres« an Sandra Sauer zu verleihen. Sie feiert die Frucht, arbeitet sensibel am Herkunftscharakter und verleiht den Weinen jenen Swing, den sie benötigen, damit sich aus jugendlicher Unbeschwertheit schließlich weise Ruhe entwickelt. »Mit Silvaner bin ich groß geworden«, sagt Sandra Sauer. Und wir fügen hinzu: Sie macht ihn noch größer. Gratulation!

LagenCup 2020: Die Anbaugebiets-Sieger

Ahr-Sieger​

2018 »Alte Reben« Heimersheimer Landskrone Chardonnay, Weingut Deutzerhof, AHR

Der Deutzerhof war das erste Weingut an der Ahr, das 1991 Chardonnay pflanzte. 2016 betrug seine Anbaufläche rund einen Hektar. Viele Nachahmer gab es also offenbar (noch) nicht. Ohnehin spielt Weißwein an der Ahr keine große Rolle. Rund 80 Prozent der Weinbaufläche ist mit roten Sorten bestockt. Neben den stilprägenden Schieferböden weist die vulkanische Landskrone in manchen Parzellen auch Anteile von Lehm, Grauwacke, Basalt und Löss auf. Diese Gesteinsvielfalt ermöglicht es dem Team um Hans-Jörg Lüchau, mit einer Vielzahl von Rebsorten zu experimentieren. Wobei das Weingut Deutzerhof der roten Klassik letztlich treu bleibt. Der Chardonnay scheint sich in der Landskrone offenbar wohlzufühlen, wenn die Jury den 2018er mit »sehr gute Struktur bei toller Länge und cremigem Mundgefühl« beschreibt. Lobende Worte gab es auch für den Ausbau des Chardonnays in kleinen französischen Eichenfässern. Ein Juror notierte: »Die Toastwürze sorgt für Pfiff, ohne die Frucht zu maskieren.« (92 Punkte)

Baden-Sieger​

2017 Achkarrer Schlossberg, Grauburgunder, Weingut Fritz Waßmer, BADEN 

Die dunkelsten Vulkanböden im Achkarrer Schlossberg können sich im Sommer derart stark aufheizen, dass man Spiegeleier auf ihnen braten könnte. Als Deutschland noch zu den Weinbauländern mit einer eher kühlen Witterung zählte, war der Schlossberg für reife Trauben eine Bank. Mit fortschreitender Erwärmung wird es manchen Sorten nun aber schlicht zu heiß. Da die Zuckerwerte beim Grauburgunder bei entsprechenden Temperaturen und Sonnenscheindauer schnell durch die Decke gehen können, verlangt es äußerste Sorgfalt des Winzers bei seiner Arbeit mit der Laubwand. Die nämlich schützt die Trauben nicht nur vor Sonnenbrand, sondern sorgt auch für eine Verzögerung der Traubenreife. Da gilt es in jedem Jahr genau abzuwägen. Fritz Waßmers Grauburgunder aus dem Schlossberg ist gewiss kein Leichtgewicht, was umso erfreulicher ist, da es hierzulande ohnehin schon mehr als genug Pinot Grigio-Plagiate gibt. Wenn die Jury »etwas Karamellwürze, kandierte Frucht und Rauch« notierte, ist davon auszugehen, dass der Ausbau in kleinen französischen Eichenfässern eine maßgebliche Rolle gespielt hat. »Süffig ist das nicht, aber exzellent gemacht. Wo ist das Kalb in Morchelrahm?«, fragte sich ein Verkoster und gab dem Schlossberg gleich noch eine Speisenempfehlung mit auf den Weg. Denn ohne Begleitung wird es vermutlich schnell einsam um ihn. (93 Punkte)

Franken-Sieger​

2019 Escherndorfer Am Lumpen 1655, Silvaner GG, Weingut Horst Sauer, FRANKEN

Mit eleganten und frischen Weinen war 2019 nicht zu rechnen. Sollte man meinen. Doch erstens kommt es anders, und zweitens als man denkt. Horst Sauer ist ein akribischer Arbeiter im Weinberg, der jede seiner rund 125 Parzellen über das ganze Jahr im Auge behält und nur dort eingreift, wo es nötig ist. 2019 bedeutete das vor allem, die Trauben vor Sonnenbrand zu schützen und einer unkontrollierten Zuckereinlagerung entgegenzuwirken. Blätter wurden nur behutsam oder gar nicht entfernt, weil sie den Trauben als Sonnenschirm dienen. Die Lese begann bereits am 12. September und war nach 22 Tagen auch schon wieder vorbei. Rekordzeit! Horst Sauers Tochter, Sandra, führt Regie im Keller. Und die durfte sich über topgesunde und reife, aber eben nicht überreife Trauben freuen, die dazu noch erfreulich hohe Säurewerte in petto hatten. Der 2019er Am Lumpen macht keinen Hehl daraus, dass es den Sauers bei ihren Weinen um Frucht und Trinkfreude geht. Und diese Prämisse gilt vom Gutswein bis zum Grossen Gewächs. Was sich in der Hierarchie der Weine indes verändert, sind Komplexität, Mineralik und Reifepotenzial. Wenn ein Juror notierte, dass sich »hinter der exotisch anmutenden Frucht eine delikate Bodenwürze nebst pointierter Säure« verbergen, hat er die Philosophie des Weinguts womöglich auf den Punkt gebracht. Gegen eine intensive Frucht in der Jugend haben die Sauers nämlich nichts einzuwenden, die mit weiterer Reife allerdings nicht einsam verdorrt, sondern den ursprünglichen Charakter in jedem Jahr weiter freigibt. Man sollte sich also nicht täuschen lassen, war sich die Jury einig: »Das ist ein Silvaner für eine lange Zukunft.« (95 Punkte) 

Mittelrhein-Sieger​

2019 Bopparder Hamm Feuerlay, Riesling GG, Weingut Mathias Müller, MITTELRHEIN

Am Bopparder Hamm hat sich der Rhein im wahrsten Sinne des Wortes die Zähne ausgebissen. Derart massiv ist das Schiefergestein an dieser Stelle, dass der Fluss einige Haken schlagen musste, um sich seinen Weg Richtung Mündung zu bahnen. So entstand die größte Rheinschleife – und ein spektakulär steiler Weinberg. Dass der Riesling hier das Sagen hat, sei an dieser Stelle nur der guten Ordnung halber erwähnt. Bei der mühsamen Bewirtschaftung dieser extremen Lagen hat Matthias Müller inzwischen tatkräftige Unterstützung von seinen Söhnen Johannes und Christoph bekommen. Ihre Weine geraten beinahe in jedem Jahr vorzüglich, fliegen in der Weinwelt aber immer noch unter dem Radar. Da half selbst die Aufnahme des oberen Mittelrheintals durch die UNESCO als Welterbe nur wenig. Wie auch immer. Dem 2019er aus der Feuerlay wurden nur Lobeshymnen der Jury zuteil. Die schwärmte von seiner »klarfruchtigen Struktur« und fand an »rauchig-mineralischen Nuancen« Gefallen. Dass der Wein eine exzellente Länge besitzt, darf als obligatorisch gelten. (94 Punkte)

Mosel-Sieger​

2019 Volz GG, Riesling, Weingut Van Volxem, SAAR

Bis zum Inkrafttreten des Weingesetzes von 1971 war die schiefrig-steile Parzelle »Vols« eine begehrte Einzellage mit klangvollem Namen und vielgerühmten Rieslingen. 1971 ging sie im Wiltinger Braunfels auf – und ihr Name damit unter. Roman Niewodniczański hat sie zu neuem Leben erweckt und aus dem »s« ein »z« gemacht, um rechtlichem Ungemach ein Schnippchen zu schlagen. Vor rund 20 Jahren hat er das Weingut Van Volxem aus seinem Dornröschenschlaf geweckt und der Saar seitdem entscheidende Impulse gegeben. Rieslinge von der Saar sind heute beinahe wieder so gefragt, wie sie es vor hundert Jahren bereits einmal waren. Ob der 2019er »Volz« der beste ist, der je unter seiner Ägide erzeugt worden ist, wird sich noch zeigen müssen, denn dass er grandioses Potenzial besitzt, steht außer Frage. Die Jury zeigte sich begeistert von einer »straffen und salzig-mineralischen Struktur« und lobte seine »ebenso feine Frucht wie reife Säure« über den Klee. (97 Punkte)

Nahe-Sieger​

2019 Monzinger Halenberg, Riesling GG, Weingut Emrich-Schönleber, NAHE

Dass der Monzinger Halenberg einen so ausgezeichneten Ruf in der Weinwelt besitzt, hat auch mit der detailverliebten Arbeit der Familie Schönleber zu tun, die dieser spektakulären Schiefer-Quarzit-Steillage Jahr für Jahr ebenso spektakuläre Rieslinge abringen. Mit mehr als 40 Jahren Berufserfahrung hat Werner Schönleber den Stil der Weine nicht nur maßgeblich geprägt, sondern begleitet sie bis heute aktiv im Weinberg und Keller. Die Geschäfte hat er mittlerweile an seinen Sohn Frank übergeben, der von der Expertise seines Vaters einerseits profitiert und andererseits seinen eigenen Stil verfolgt. Der 2019er Halenberg macht das nur allzu deutlich, wenn ein Juror notierte: »Feine Reduktionswürze bei brillanter Struktur und salzig-mineralischem Finish.« Vielleicht wie bei noch keinem Halenberg zuvor spielt die mineralische Würze eine entscheidende Rolle, ohne die klarfruchtige Strahlkraft dieses Weltklasse-Rieslings in den Schatten zu stellen. Da wollten die Lobgesänge der Jury auch nicht enden, die hier zu zitieren, der Platz leider einfach nicht ausreicht. Machen wir es also kurz: Der 2019er Halenberg ist eine große Delikatesse. (96 Punkte)

Pfalz-Sieger

​2019 »Opus-Oskar«, Chardonnay, Weingut Jülg, PFALZ

Familie Jülg taufte ihre Super-Premium-Reihe zunächst »Opus O«. Weil der Name jedoch eine gewisse Ähnlichkeit zum Icon-Wein »Opus One« von Mondavi & Rothschild besitzt, bekamen es die Jülgs rasch mit deren Anwälten zu tun. Schließlich fügten sie dem Initial den ganzen Namen »Oskar« bei. Was am Ende auch etwas Gutes hatte. Schließlich war es Oskar Jülg, der das Weingut 1961 gegründet hat. Jetzt weiß jeder schneller, was es mit dem Oskar auf sich hat. Dabei handelt es sich um Fassselektionen aus den besten Lagen der Jülgs, die hier, im Süden der Pfalz, meist auf deutschem und französischem Terrain stehen. Ihr 2019er ist vorzüglich gelungen. Wieder einmal. Die Jury verfiel in geradewegs frenetischen Beifall, beklatschte seine »delikate Toastwürze« und eine ebenso »komplexe wie feste Frucht«. Man ahnt es schon. Der »Opus Oskar 2019« ist kein vordergründiger Chardonnay mit einem kitschigen Makeup aus softem Saft mit Vanillegeschmack, sondern ein Wein, der die Sorte Chardonnay nicht nur in Deutschland zu neuen Höhen führen wird. (95 Punkte)

 

Rheingau-Sieger

​2018 Hochheimer Hölle, Riesling GG, Weingut Künstler, RHEINGAU

Bei Weinverkostungen erfreuen sich Fragen nach Säuregehalt, Restzucker oder Alkohol großer Beliebtheit. Doch sollte man sich von Rohdaten nicht täuschen lassen oder womöglich gar von Vorurteilen leiten lassen. Denn obwohl Säure, Zucker und Alkohol ein gehöriges Wörtchen beim Weingeschmack zu sagen haben, sind sie dennoch nicht allein verantwortlich. Und: Geschmack lässt sich nicht allein an Zahlen ablesen. Das Verhältnis der Inhaltsstoffe sowie weiterer Komponenten wie Extrakt oder Mineralstoffe tragen maßgeblich zu einem einzigartigen Weinerlebnis bei. Zahlen spielen da zunächst einmal keine Rolle. Zumal der Wein schließlich in verdeckter Probe verkostet und hervorragend bewertet wurde. Während die Jury sein Bukett als »mächtig und intensiv« beschrieb, attestierte sie ihm am Gaumen eine »feine Zitrussäure nebst würzig-mineralischer Struktur.« Man ahnt es schon: Künstlers Hölle rollte mit nur rund fünf Promille Säure über die Gaumen der Verkoster und schmeckte ihnen dennoch lebendig-frisch. Zahlen: Sie können nützlich sein, aber auch wie Schall und Rauch. (94 Punkte)

Rheinhessen-Sieger

2017 Westhofener Morstein, Riesling GG, Weingut Gutzler, RHEINHESSEN

Mit rund 35 Prozent der Gesamtfläche ist der Anteil roter Sorten für ein Weingut in Rheinhessen bei Gutzler vergleichsweise hoch. Dass der Spätburgunder dabei an der Spitze steht, verwundert weniger als die köstliche Tatsache, dass das Weingut auch der oft geschmähten Sorte Dornfelder unverschämt würzige Weine abringt. Und der Riesling, kommt der bei diesem roten Donnerwetter am Ende etwa zu kurz? Freilich nicht. Mit rund zweieinhalb Jahren Flaschenreife hat der fulminante Morstein jetzt seine erste Genussphase erreicht. Ein Juror verfiel in jugendlich-euphorische Umgangssprache und notierte: »verdammt geil strukturiert.« Andere zeigten sich von seiner »delikaten Ausgewogenheit« begeistert. Wie dem auch immer sei. 2017 ist der erste Jahrgang, den Michael Gutzler ohne das Zutun seines viel zu früh verstorbenen Vaters Gerhard erzeugte. Mit dem Morstein hat Michael Gutzler ihm ein köstliches Weindenkmal gesetzt. (96 Punkte)

2017 Bechtheimer Rosengarten, Riesling, Weingut Dreissigacker, RHEINHESSEN

Die Winzer Rheinhessens konnten bei der Qualität ihrer Weine in den letzten Jahren enorm zulegen. Das gilt insbesondere für den Riesling, der im Roten Hang mit seinem Rotliegenden oder etwa in den kalkreichen Lagen des Wonnegaus exzellente Bedingungen für große Weine vorfindet. Dass die Gewächse ein beachtliches Reifepotenzial besitzen, ist indes nur einer kleinen Schar Weinfreaks bekannt. Was vor allem daran liegt, dass die besten Tropfen ab Weingut rasch ausverkauft sind und zu früh getrunken werden. Jochen Dreissigacker hält bereits seit einigen Jahren eine Auswahl seiner besten Lagenweine zurück, bevor er sie in den Verkauf bringt. Wie gut diese Ruhephase den Weinen bekommt, machte der 2017 Riesling aus der lösslehmigen Lage Rosengarten der Jury nun nur allzu deutlich: Die Verkoster freuten sich über eine »superreife Frucht nebst mineralisch anklingenden Feuersteinnoten und einen kompakt-konzentrierten Körper.« Dabei waren sich alle Experten darüber einig, dass die Reife seiner mutmaßlich jugendlichen Wucht ganz wunderbar zu Gesicht steht. Da geht noch was. (96 Punkte)

Württemberg-Sieger

2019 Bönnigheimer Steingrüben, Riesling GG, Weingut Dautel, WÜRTTEMBERG

Der Aufwärtstrend in Württemberg ist ungebrochen. Nachdem bereits beim LagenCup Rot eine Vielzahl hochkarätiger Spätburgunder aus dem Ländle auf den vordersten Plätzen landeten, ziehen nun auch die Rieslinge nach. Obwohl die Varietät mit rund 20 Prozent der gesamten Anbaufläche die meistangebaute Weißweinsorte der Region ist, sorgten die Weine in der letzten Vergangenheit nur selten für überregionale Furore. Das ändert sich gerade. Und zwar dramatisch. Christian Dautel ist mit dem Bönnigheimer Steingrüben ein ebenso vielschichtiger wie pikanter Riesling gelungen. Die Juroren notierten »eine wundervoll klare Struktur bei pikanter Säure, rauchig prononcierter Mineralik und exzellenter Länge.« Was einerseits der minimal-invasiven Arbeit von Dautel im Keller geschuldet ist, andererseits aber ohne die delikaten Besonderheiten der Lage nicht möglich wäre. Die rund 35 Jahre alten Reben wachsen auf mineralisch verdichteten Schilfsandböden mit einer Steigung von bis zu 50 Prozent. Aus diesen Bedingungen leistet Dautel Außerordentliches. (96 Punkte)

Die besten Weine nach Rebsorten

Die besten Chardonnays

Bester Chardonnay 2019: 2019 »Opus-Oskar«, Chardonnay, Weingut Jülg, PFALZ

Familie Jülg taufte ihre Super-Premium-Reihe zunächst »Opus O«. Weil der Name jedoch eine gewisse Ähnlichkeit zum Icon-Wein »Opus One« von Mondavi & Rothschild besitzt, bekamen es die Jülgs rasch mit deren Anwälten zu tun. Schließlich fügten sie dem Initial den ganzen Namen »Oskar« bei. Was am Ende auch etwas Gutes hatte. Schließlich war es Oskar Jülg, der das Weingut 1961 gegründet hat. Jetzt weiß jeder schneller, was es mit dem Oskar auf sich hat. Dabei handelt es sich um Fassselektionen aus den besten Lagen der Jülgs, die hier, im Süden der Pfalz, meist auf deutschem und französischem Terrain stehen. Ihr 2019er ist vorzüglich gelungen. Wieder einmal. Die Jury verfiel in geradewegs frenetischen Beifall, beklatschte seine »delikate Toastwürze« und eine ebenso »komplexe wie feste Frucht«. Man ahnt es schon. Der »Opus Oskar 2019« ist kein vordergründiger Chardonnay mit einem kitschigen Makeup aus softem Saft mit Vanillegeschmack, sondern ein Wein, der die Sorte Chardonnay nicht nur in Deutschland zu neuen Höhen führt. (95 Punkte)  

Bester Chardonnay 2018​: 2018 Godramsteiner Stahlbühl, Chardonnay Erste Lage, Weingut Münzberg, PFALZ 

Wenn Inhaber und Betriebsleiter Gunter Keßler von seinen »enorm kalkhaltigen« Weinlagen in und um Godramstein an der Südlichen Weinstraße schwärmt, ist diese geologische Besonderheit bei weitem keine Selbstverständlichkeit. Allein die Lage Stahlbühl umfasst eine Rebfläche von rund 430 Hektar. Da kann naturgemäß nicht jede Rebe gleichversorgt sein und von einem kalkhaltigen Terroir profitieren. Doch das Weingut blickt auf eine 100-jährige Geschichte zurück, in der es stets darum ging, sich die besten Parzellen zu sichern und entsprechend zu kultivieren. Und dass die Burgundersorten sich auf Kalkböden ausgesprochen wohl fühlen, ist allgemein bekannt. Freilich, und prinzipiell überall in Wein-Deutschland, in der gesamten Weinwelt, kommt eine Bodenart niemals allein vor, sondern kann das Terroir und in seltenen Fällen eine gesamte Landschaft prägen. Neben Kalk ist es Ton, der in den Münzberg’schen Weinbergen eine wichtige Rolle spielt, weil er vor allem in trockenen Jahren als überlebenswichtiger Wasserspeicher dient. Für Pflanzen ist an diese, auch als »Totwasser« bekannte Erfrischung, nicht leicht heranzukommen, doch immerhin erhält sie den Böden auch in hitzigen Jahren etwas Kühle und lässt die Wurzeln der Reben um den Ton herum noch an etwas Restwasser gelangen. »Transparent, feine Würze mit Nuancen von Rauch und Speck«, bemerkte ein Verkoster, womit klar sein dürfte, dass Keßlers Chardonnay im Holz ausgebaut wurde. Ebenso lobend erwähnt wurden: »frische Säure«, »sehr gute Länge« und last but not least: »Lecker«. (93 Punkte)

Bester Chardonnay 2017: 2017 Bissersheimer Geisberg, Chardonnay, Weingut Wageck, PFALZ

Es ist die eine Sache, einem Weingut eine neue Flaschen-Ausstattung zu verpassen, um eine Premiumlinie zu etablieren. Die andere aber ist es, dass die sich am Ende auch inhaltlich klar unterscheidet. Denn Etiketten können ja hübsch sein, über den Wein sagen sie meist nur wenig aus. Wie könnten sie auch? Bei Wageck können wir sagen: sowohl als auch. Das Stammweingut Pfaffmann der Brüder Frank und Thomas Pfaffmann ist seit jeher im Besitz von feinen Lagen in der nördlichen Pfalz. Dabei hat sich der Betrieb sowohl mit soliden als auch sehr guten Weinen einen Namen gemacht. Wobei letztere nie die Beachtung bekommen haben, die sie in manchen Jahren sehr wohl verdient hätten. Auch das wird womöglich ein Grund dafür gewesen sein, dass die Pfaffmann-Brüder eine Zäsur im elterlichen Weingut eingeleitet haben. Mittlerweile wird der Name Pfaffmann im gesamten Portfolio des Weinguts ausgeschlichen und durch Wageck ergänzt. Was Hand und Fuß hat, denn seit der Einführung der Wageck-Weine mit dem Jahrgang 2012 steht der Name für präzise und herkunftsbetonte Burgunder-Weine auf hohem Niveau. Da macht der 2017er Chardonnay aus dem Geisberg keine Ausnahme, ist aber wahrlich kein vanillg-süßer Wonneproppen. Wageck-Weine haben Anspruch und können dabei bisweilen auch unnahbar und straff daherkommen. Oft benötigen sie Zeit. Anachronistisch könnte man dazu sagen. Oder auch als eine Investition in die Zukunft beschreiben. Wer weiß das schon. Die Jury zeigte sich jedenfalls begeistert und notierte »elegante Balance aus pikanter Mineralik und süßer Konzentration bei hervorragender Länge.« (94 Punkte)

Bester Chardonnay 2016: 2016 Ihringer Winklerberg, Chardonnay, Weingut Freiherr von Gleichenstein, BADEN

Nun ist die Tradition des LagenCups noch nicht allzu alt. Was einerseits Nachteil, andererseits aber auch ein Vorteil sein kann. Denn die Verkostungen erfolgen blind, sodass kein Juror wusste, welcher Wein sich im Detail in seinem Glas befand. Beim Ihringer Winklerberg gingen die Meinungen der Experten auch aromatisch deutlich auseinander: Während die einen sich an »Stechapfel«,»verbranntem Haar« oder »Kräuterjus« erinnert fühlten, lobten die anderen eine «würzige Reife«, die sie dem Grauburgunder so nicht zugetraut hätten. Dass der Ihringer Winklerberg zu den besten Lagen am Kaiserstuhl zählt, braucht an dieser Stelle nicht weiter erwähnt werden. Auf vorwiegend vulkanischem Gestein wächst auch der Chardonnay der Gleichensteins, der aber vor allem dadurch glänzt, dass Kellermeister Odin Bauer ein äußerst feines Händchen beim Ausbau seiner Weine in kleinen Eichenholzfässern besitzt. Dem 2016er Chardonnay aus dem Winklerberg dürften weitere Jahre also durchaus guttun. (93 Punkte)

Bester Chardonnay 2015: 2015 »R« Ludwigshöher Teufelskopf, Chardonnay Auslese, Weingut Lamberth, RHEIHESSEN

Halten Sie sich fest: Im Niersteiner Ludwigshöher Teufelskopf wird bis heute die Sorte Johanniter angebaut, deren Wein sicherlich keine schlechte Sorte ist, sondern der Region einen Standortvorteil verschafft hat, den sie aus verschiedenen Gründen verspielt hat. Doch Rheinhessen hat sich, wie vielleicht keine andere der deutschen Weinbauregionen, aus der der Krise zu einer der erfolgreichsten des Landes entwickelt. Dabei spielen sich mittlerweile nicht allein die Rieslinge vom Roten Hang oder dem Wonnegau in den Vordergrund, sondern werden von den Burgundern mittlerweile kongenial ergänzt. Die trockene Chardonnay-Auslese vom Weingut Lamberth aus 2015 macht das womöglich auch deshalb deutlich, da der »reife Geschmack« hierzulande nicht mehr besonders angesehen ist, weil jedermann und jedefrau seinen und ihren Geschmack auf jugendlich getrimmt hat. Ob das richtig ist, wollen wir an dieser Stelle nicht beurteilen. Wir können und wollen das auch nicht, aber möchten die Frage stellen, ob Kommentare der Verkoster wie etwa »deutliche Reife« nicht eher positiv konnotiert werden, wenn es um eine perfekte Wein-Speisen-Begleitung gehen soll. (90 Punkte)  

Die besten Grauburgunder

Bester Grauburgunder 2019: 2019 Durbacher Schloss Staufenberg, Grauburgunder Erste Lage, Weingut Markgraf von Baden, BADEN

In welchem Zustand sich die Burg Staufenberg in der nordbadischen Region Ortenau befand, als sie 1693 von Markgraf Ludwig Wilhelm von Baden-Baden erworben wurde, ist im Detail nicht bekannt. Als gesichert darf aber gelten, dass der Dreißigjährige Krieg nicht nur spurlos an dem Gemäuer samt seinen umliegenden Ländereien vorübergegangen ist, sondern von Marodeuren viele Jahre nach dem Westfälischen Frieden gebrandschatzt wurde. 1832 ließen die Markgrafen von Baden die Anlage erneuern und im Romantik-Stil der Zeit erweitern. Wenn es um den Qualitätsweinbau in Baden geht, zählen die Markgrafen seit jeher zu seinen Pionieren. In der Ortenau engagierten sie sich für den Riesling, der bis heute – und als Klingelberger bekannt – Synonym für die gesamte Region ist. Anfang des 19. Jahrhunderts übernahmen sie die Rebflächen des Zisterzienser Klosters in Salem am Bodensee. Beide Standorte sind noch immer im Besitz der Familie. Da mag es vielleicht eine Überraschung sein, dass es weder ein Ortenauer Riesling noch ein Müller-Thurgau vom Bodensee ist, der es in die Bestenliste des LagenCups geschafft hat. Andererseits ist auch am Weingut Markgraf von Baden die Zeit nicht spurlos vorbeigegangen – und der Grauburgunder gehört heute zu den wichtigsten Sorten in Baden. Dem Grauburgunder aus dem Staufenberg attestierte die Jury eine »ebenso saftige wie puristische Struktur« und lobte seine »animierende Art bei feiner, hintergründiger Würze. « Dass bei der Verkostung Beschreibungen wie etwa »fette Schnecke« oder »ganz schön üppig« nicht vorkamen, mag auch der Tatsache geschuldet sein, dass Grauburgunder eben nicht gleich Grauburgunder ist – und er bei den Markgrafen vorwiegend auf vergleichsweisen kargen Granitböden wächst. (91 Punkte)

Bester Grauburgunder 2018: 2018 Essenheimer Teufelspfad »Am Klopp«, Grauburgunder, Weingut Braunewell, RHEINHESSEN

»Terra Fusca, Terra Fusca, Terra Fusca«. Wenn der Boden irgendwo rot schimmert, schlagen die Herzen der Weinliebhafer höher. Dabei ist bis heute in keiner Art und Weise beschrieben, ob diese Bodenart einen Einfluss auf den Geschmack der Weine hat. In Rheinhessen betrifft das vor allem die Sorten Riesling, Sauvignon Blanc oder – und seltener – die Burgunder-Varietäten. Das Geschäft mit dem Wein und seinem Terroir ist ein schwieriges, das mittlerweile vielmehr von der Handhabe des Winzers und seinen Trauben im Weinber und Keller abhängt, als davon, wo die Pflanzen letztendlich gewachsen sind. Oder wer könnte tatsächlich bestimmen, ob ein Gewächs aus dieser oder jener Sorte auf wüchsigem oder kargem Boden gewachsen ist? Entsprechend vage geben sich dann auch die Kommentare der Verkoster, die »von einem Korb aus gelben und säuerlichen Früchten«, ebenso zu berichten wussten, wie die »lebendige Säure und den phenolischen Grip« des Klopps belobigte. Da darf man sich am Ende schon einmal die Frage stellen, wo der Grauburgunder derzeit in der Deutschen Weinwelt steht? Hop oder Topp? Der Klopp ist jedenfalls Top! (93 Punkte)

Bester Grauburgunder 2017: 2017 Achkarrer Schlossberg, Grauburgunder, Weingut Fritz Waßmer, BADEN 

Die dunkelsten Vulkanböden im Achkarrer Schlossberg können sich im Sommer derart stark aufheizen, dass man Spiegeleier auf ihnen braten könnte. Als Deutschland noch zu den Weinbauländern mit einer eher kühlen Witterung zählte, war der Schlossberg für reife Trauben eine Bank. Mit fortschreitender Erwärmung, wird es manchen Sorten nun aber schlicht zu heiß. Da die Zuckerwerte beim Grauburgunder bei entsprechenden Temperaturen und Sonnenscheindauer schnell durch die Decke gehen können, verlangt es äußerste Sorgfalt des Winzers bei seiner Arbeit mit der Laubwand. Die nämlich schützt die Trauben nicht nur vor Sonnenbrand, sondern sorgt auch für eine Verzögerung der Traubenreife. Da gilt es in jedem Jahr genau abzuwägen. Fritz Waßmers Grauburgunder aus dem Schlossberg ist gewiss kein Leichtgewicht, was umso erfreulicher ist, da es hierzulande ohnehin schon mehr als genug Pinot Grigio-Plagiate gibt. Wenn die Jury »etwas Karamellwürze, kandierte Frucht und Rauch« notierte, ist davon auszugehen, dass der Ausbau in kleinen französischen Eichenfässern eine maßgebliche Rolle gespielt hat. »Süffig ist das nicht, aber exzellent gemacht. Wo ist das Kalb in Morchelrahm?«, fragte sich ein Verkoster und gab dem Schlossberg gleich noch eine Speisenempfehlung mit auf den Weg. Denn ohne Begleitung wird es vermutlich schnell einsam um ihn. (93 Punkte)

Bester Grauburgunder 2016: 2016 Oberrotweiler Henkenberg, Grauburgunder, Weingut Freiherr von Gleichenstein, BADEN 

Woher die Namen deutscher Weinberge rühren, ist in vielen Fällen nicht mehr exakt nachzuvollziehen. Lautverschiebungen, Veränderung der geologischen Gegebenheiten oder Legenden können Gründe dafür sein, dass der tatsächliche Namensursprung im Laufe der Zeit verloren gegangen ist. Beim Henkenberg indes ist die Sache eindeutig: Das Wort »Henken« bedeutet »Hängen« und bezieht sich auf eine Richtstätte, die sich im Mittelalter an Ort und Stelle befunden hat. Da ein Gewann den Namen »Galgenbuckel« trägt, lässt sich ihr einstiger Standort bis heute recht genau lokalisieren. Denn mit dem Weingesetz von 1971 ist der Oberrotweiler Henkenberg auf rund 100 Hektar Weinbergfläche angewachsen. Entsprechend vielfältig sind auch die Bodenstrukturen, die neben dem wertvollen Vulkangestein auch große Anteile von Lehm und Löss aufweisen.  Das Weingut Freiherr von Gleichenstein bewirtschaftet etwa 35 Hektar im Henkenberg, wobei der überwiegende Anteil der Reben auf dunklen Vulkanverwitterungsböden mit Basalteinschlüssen wachsen. Dass es vor allem den Burgundern auf diesen Böden in den letzten Jahren bisweilen zu heiß wurde, ist allgemein bekannt. Ebenfalls bekannt ist aber auch, dass der badische Grauburgunder bis in die achtziger Jahre gerne betont überreif gelesen und als üppiger, meist restsüßer Ruländer ausgebaut wurde. Gleichensteins Henkenberg aus dem gewiss nicht einfachen Jahr 2016 schafft den köstlichen Spagat aus Reife und Frische, ohne dabei weder den altmodischen Ruländer noch den neudeutschen Pinot Grigio aromatisch zitieren zu müssen. »Die herbe Frische wird von leicht röstig-nussiger Kontur unterstrichen«, notierte ein Verkoster. Unrecht kann er nicht haben. (92 Punkte)leine Ewigkeit am Gaumen haften. Grandios! (93 Punkte)

Bester Gewürztraminer

2019 Edesheimer Forst, Gewürztraminer, Weingut Oberhofer, PFALZ

Mit keinen zwei Gramm Restzucker darf der Gewürztraminer der Familie Oberhofer unbedingt als knochentrocken gelten, was insofern bemerkenswert ist, da der Jahrgang 2019 auch bei dieser Sorte die Zuckerwerte schnell in ungeahnte Höhen schnellen ließ. Bittere Weine aus der Sorte Gewürztraminer, zumal, wenn sie trocken vergoren wurden, dürften aufgrund der Bedingungen deshalb keine Seltenheit gewesen sein. Familie Oberhofer bewies sowohl bei der Lese als auch beim Ausbau ihres Gewürztraminers ein enorm feines Händchen. Die Jury notierte Aromen von Rose, Litschi, Holunderblüte« und »Pfirsich.« Was allerhöchst angemerkt werden muss, ist dass es sich bei Obernhofers Gewürztraminer um ein trockenes Exemplar gehandelt hat, das im Kontext dieser zuckersüchtigen Sorte eine in 2019 als besonders köstliche Ausnahme gelten darf.  (90 Punkte)

Die besten Rieslinge

Bester Riesling 2019: 2019 Volz GG, Riesling, Weingut Van Volxem, SAAR

Bis zum Inkrafttreten des Weingesetzes von 1971 war die schiefrig-steile Parzelle »Vols« eine begehrte Einzellage mit klangvollem Namen und vielgerühmten Rieslingen. 1971 ging sie im Wiltinger Braunfels auf – und ihr Name damit unter. Roman Niewodniczański hat sie zu neuem Leben erweckt und aus dem »s« ein »z« gemacht, um rechtlichem Ungemach ein Schnippchen zu schlagen. Vor rund 20 Jahren hat er das Weingut Van Volxem aus seinem Dornröschenschlaf geweckt und der Saar seitdem entscheidende Impulse gegeben. Rieslinge von der Saar sind heute beinahe wieder so gefragt, wie sie es vor hundert Jahren bereits einmal waren. Ob der 2019er »Volz« der beste ist, der unter seiner Ägide je erzeugt worden ist, wird sich noch zeigen müssen, denn dass er grandioses Potenzial besitzt, steht außer Frage. Die Jury zeigte sich begeistert von einer »straffen und salzig-mineralischen Struktur« und lobte seine »ebenso feine Frucht wie reife Säure« über den Klee. (97 Punkte)

Bester Riesling 2018: 2018 Binger Scharlachberg, Riesling, Weingut Riffel, RHEINHESSEN

Wenngleich Carolin und Erik Riffel bisweilen auch mit Sauvignon Blanc oder Pet Nat reüssieren, sind es doch weiterhin Riesling, Silvaner und die weißen Burgunder, denen sie ihr Hauptaugenmerk schenken. Was wenig verwundert, schließlich ist das Ehepaar im Besitz von feinsten Quarzit-Parzellen im Binger Scharlachberg, dessen Rieslinge zumindest bis Mitte des 19. Jahrhunderts zu den begehrtesten des Landes gehörten. Dass ihr Ruhm in der Zwischenzeit etwas verflogen war, hatte viele Gründe. Wenn eine Vielzahl von Winzern heute wieder auf Riesling und Silvaner in diesem zuweilen leicht scharlachrot schimmernden Weinberg setzen, trägt das einen entscheidenden Beitrag zur Renaissance einer Lage bei, die sich ihren legendären Ruf erst wieder erarbeiten muss. Dabei stehen die Riffels an vorderster Front, wenn sie ihre Flächen zunächst auf eine biologisch-organische Wirtschaftsweise umstellten und mittlerweile nach biologisch-dynamischen Gesichtspunkten bewirtschaften. Die Verkoster detektierten mit »tropisch anmutend«, »Zitrus, Limette« oder »Bergamotte«, einen Riesling, der sich eindeutig noch in der Fruchtphase befindet. Trotz seiner vermeintlichen Süße im Bukett ist der Scharlachberg alles andere als ein kitschiger Tropfen für den Kegel-Club. »Super trocken, super tief und fast kühl am Gaumen« gab ein Juror kund. Was umso erstaunlicher ist, da 2018 wahrlich kein kühles Jahr war. (94 Punkte)

Bester Riesling 2017 (2x): 2017 Westhofener Morstein, Riesling GG, Weingut Gutzler, RHEINHESSEN

Mit rund 35 Prozent der Gesamtfläche ist der Anteil roter Sorten für ein Weingut in Rheinhessen bei Gutzler vergleichsweise hoch. Dass der Spätburgunder dabei an der Spitze steht, verwundert weniger als die köstliche Tatsache, dass das Weingut auch der oft geschmähten Sorte Dornfelder unverschämt würzige Weine abringt. Und der Riesling, kommt der bei diesem roten Donnerwetter am Ende etwa zu kurz? Freilich nicht. Mit rund zweieinhalb Jahren Flaschenreife hat der fulminante Morstein jetzt seine erste Genussphase erreicht. Ein Juror verfiel in jugendlich-euphorische Umgangssprache und notierte: »verdammt geil strukturiert.« Andere zeigten sich von seiner »delikaten Ausgewogenheit« begeistert. Wie dem auch immer sei. 2017 ist der erste Jahrgang, den Michael Gutzler ohne das Zutun seines viel zu früh verstorbenen Vaters Gerhard erzeugte. Mit dem Morstein hat Michael Gutzler ihm ein köstliches Weindenkmal gesetzt. (96 Punkte)

2017 Bechtheimer Rosengarten, Riesling, Weingut Dreissigacker, RHEINHESSEN

Die Winzer Rheinhessens konnten bei der Qualität ihrer Weine in den letzten Jahren enorm zulegen. Das gilt insbesondere für den Riesling, der im Roten Hang mit seinem Rotliegenden oder etwa in den kalkreichen Lagen des Wonnegaus exzellente Bedingungen für große Weine vorfindet. Dass die Gewächse ein beachtliches Reifepotenzial besitzen, ist indes nur einer kleinen Schar Weinfreaks bekannt. Was vor allem daran liegt, dass die besten Tropfen ab Weingut rasch ausverkauft sind und zu früh getrunken werden. Jochen Dreissigacker hält bereits seit einigen Jahren eine Auswahl seiner besten Lagenwein zurück, bevor er sie in den Verkauf bringt. Wie gut diese Ruhephase den Weinen bekommt, machte der 2017 Riesling aus der lösslehmigen Lage Rosengarten der Jury nun nur allzu deutlich: Diese freute sich über eine »superreife Frucht nebst mineralisch anklingenden Feuersteinnoten und einen kompakt-konzentrierten Körper.« Dabei waren sich alle Experten darüber einig, dass die Reife seiner mutmaßlich jugendlichen Wucht ganz wunderbar zu Gesicht steht. Da geht noch was. (96 Punkte)

Bester Riesling 2016: 2016 Nackenheimer Rothenberg, Riesling GG, Weingut Gunderloch, RHEINHESSEN

Wiewohl Name und Weine der Gunderlochs durch Carl Zuckmayers Lustspiel »Der Fröhliche Weinberg« auch überregional zu Bekanntheit kamen, war die Familie damals über die Darstellung des Autors nicht glücklich, der ihre Figuren mehr oder weniger als kleinbürgerliche Spießer zeichnete. Darüber jedoch ist lange und viel Wein gewachsen. Gunderloch – Zuckmayer – Der fröhliche Weinberg sind heute kaum mehr voneinander zu trennen. Rund 95 Jahre sind seit der Uraufführung des Schauspiels inzwischen vergangen. Sehr viel Zeit. Als Fritz Hasselbach in die Familie Gunderloch einheiratete, führte er das Weingut nicht nur zu neuer Blüte, sondern sorgte mit seinen edelsüßen Rieslingen besonders in den USA für Furore. Die Kritiker überschlugen sich mit Punkten und Lobeshymnen. Heute wird das Weingut von seinem Sohn, Johannes Hasselbach, geführt, der seinen Fokus auf trockene und Terroir-betonte Weine legt. Am Roten Hang sind die Voraussetzungen dafür sicherlich nicht immer einfach zu handhaben, besitzen aber immer das Zeug für grandiose Rieslinge mit exzellentem Reifepotenzial. Da nimmt es wenig Wunder, dass der 2016er aus dem Rothenberg derart saftig und klarfruchtig über die Gaumen seiner Verkoster floss, dass die kaum glauben konnten, dass es sich um einen rund vier Jahre gereiften Riesling handelt. Wie heißt es oft und manchmal so schön: Blindproben machen demütig. (95 Punkte)

Bester Riesling 2015: 2015 Siefersheimer Heerkretz, Riesling GG, Weingut Wagner-Stempel, RHEINHESSEN

Geht es ruhiger, unprätentiöser, ja entspannter zu auf als auf dem Weingut Wagner-Stempel? Nun, wir vom LagenCup sind auch zum Glück nicht jeden Tag dabei und erleben, was sich dort so abspielt. Und wollen das auch gar nicht sein. Es ist keine einfache Aufgabe, die sich Daniel Wagner mit seinen ebenso schattigen wie steilen und steinigen Lagen in den letzten vielen Jahren gestellt hat. Denn wer wollte vor – sagen wir einmal – rund 15 Jahren von der Sierfersheimer Heerkretz etwas hören? Heute zählt das Große Gewächs aus dieser Lage regelmäßig zu den besten nicht nur seiner bestimmten Herkunft in Rheinhessen, sondern in ganz Deutschland. Daniel Wagner ist ein stiller Star der Sonderklasse. Die Rieslinge der kargen Lage Heerkretz mögen in ihrer Jugend kantig und zuweilen etwas zu pikant-mineralisch daherkommen, entwickeln mit der Zeit aber eine unglaublich eindrucksvolle Harmonie. Was umso erstaunlicher ist, da bei der Verkostung des 2015er keiner der Experten von Reifearomen sprach, sondern dem Wein »Grapefruit, Kiwi sowie einen mineralischen Griff« bescheinigten. Was soll man da sagen. Die Heerkretz ist eine sensationelle Lage. Daniel Wagner hat sie verstanden. Der 2015er wird uns noch lange und immer delikater begleiten. (95 Punkte)

Bester Riesling 2014: 2014 Ungsteiner Herrenberg, Riesling, Weingut Am Nil, PFALZ

Das Weingut Am Nil hat freilich nichts mit dem längsten Fluss der Welt zu tun, sondern geht auf ein gleichnamiges Gewann zurück, das mit dem Weinbaugesetz von 1971 in der Einzellage Kallstadter Saumagen aufging und danach in Vergessenheit geriet. Als der Unternehmer Reinfried Pohl und seine Frau Ana das Weingut 2010 erwerben konnten, wurden sie in einem alten Kellerbuch auf den Gewannnamen aufmerksam und benannten den Betrieb nach ihm. Neben exquisiten Parzellen im legendären Saumagen ist das Paar im Besitz von Filetstücken in den besten Lagen der Mittelhaardt. Unter anderem auch im kalkreichen Ungsteiner Herrenberg. Rund sechs Jahre nach der Lese macht der Riesling aus dem Herrenberg offenbar noch keine Anstalten, seine Fruchtphase zu verlassen. Anders lassen sich die Bemerkungen der Verkoster nämlich nicht verstehen, in denen von »tropischen Früchten«, »Zitrus«, »Bergamotte« oder »Limettenschale« die Rede ist und tertiäre Aromen so gut wie keine Rolle spielen. (93 Punkte)

Der beste Sauvignon Blanc

2019 »Opus-Oskar«, Sauvignon Blanc, Weingut Jülg, PFALZ

Die Sauvignon-Blanc-Trauben für den »Opus-Oskar« wachsen in der kalkreichen Lage Schweigener Sonnenberg, die sich über Schweigen hinweg bis in das Elsass erstreckt. Familie Jülg ist im Besitz feinster Parzellen auf deutschem und französischem Territorium. Im Sommer 2018 machte massiver Hagelschlag rund 35 Prozent der Ernte zunichte. Auch der Sauvignon Blanc war von dem Unwetter betroffen – der »Opus-Oskar« musste in diesem Jahr ausfallen. Im Jahr darauf wiederum waren die Bedingungen ideal. Johannes Jülg hat ein feines Händchen beim Ausbau des Sauvignons im 500-Liter Eichenfass entwickelt. Der 2019er legt davon delikates Zeugnis ab. Exotische Früchte, florale Nuancen, Kräuter- und Toastwürze gehen eine köstliche Liaison ein, die am Gaumen in einen konzentrierten und feinsinnigen Geschmack mündet. »Wenn ich’s nicht besser wüsste, würde ich den Wein in Frankreich verorten«, zeigte sich ein Verkoster erstaunt. Dass die Trauben für den »Opus-Oskar« tatsächlich wenigstens teilweise in Frankreich wachsen, konnte der zu diesem Zeitpunkt freilich (noch) nicht wissen.  (95 Punkte)

Die beste Scheurebe

2019 »Alte Reben« Iphöfer Kronsberg, Scheurebe, Weingut Hans Wirsching, FRANKEN

Es gibt keine andere Rebsorte, deren Duft deutlicher an Schwarze Johannisbeere erinnern kann als die Weine einer Scheurebe. Und damit ist nicht die verarbeitete Frucht, wie etwa als Cassis, gemeint, sondern einzig und allein die frischen und reifen Beeren. Der Winzer und Rebenzüchter, Georg Scheu, kreuzte die Varietät Anfang des 20. Jahrhunderts aus Riesling und Bukettraube. Dass sie als Spezialität bis heute in vielen Anbaugebieten ihren festen Bestand hält, hat auch damit zu tun, dass ihr Aromabild gewisse Ähnlichkeiten mit dem modischen Sauvignon Blanc aufweisen kann. Allerdings ohne eine schlichte Kopie zu sein. Wirschings trockene Scheurebe darf als mustergültiges Beispiel für einen ebenso eigenständigen wie fruchtbetonten Wein dieser Sorte gelten. Dass die Schwarze Johannisbeere geschmacklich die erste Geige spielt, mag wenig überraschen, doch kommt sie beim Iphöfer Kronsberg derart klar und intensiv daher, dass der ein oder andere Verkoster bass erstaunt darüber war, dass ein herb-süßfruchtig duftender Wein am Ende fast trocken schmeckt. Diese aromatischen Gegensätze sind es womöglich, die eine Scheurebe so attraktiv machen. (92 Punkte)

Die besten Silvaner

Bester Silvaner 2019: 2019 Escherndorfer Am Lumpen 1655, Silvaner GG, Weingut Horst Sauer, FRANKEN

Mit eleganten und frischen Weinen war 2019 nicht zu rechnen. Sollte man meinen. Denn erstens kommt es anders, und zweitens als man denkt. Horst Sauer ist ein akribischer Arbeiter im Weinberg, der jede seiner rund 125 Parzellen über das ganze Jahr im Auge behält und nur dort eingreift, wo es nötig ist. 2019 bedeutete das vor allem, die Trauben vor Sonnenbrand zu schützen und einer unkontrollierten Zuckereinlagerung entgegenzuwirken. Blätter wurden nur behutsam oder gar nicht entfernt, weil sie den Trauben als Sonnenschirm dienen. Die Lese begann bereits am 12. September und war nach 22 Tagen auch schon wieder vorbei. Rekordzeit! Horst Sauers Tochter, Sandra, führt Regie im Keller. Und die durfte sich über topgesunde und reife, aber eben nicht überreife Trauben freuen, die dazu noch erfreulich hohe Säurewerte in petto hatten. Der 2019er Am Lumpen macht keinen Hehl daraus, dass es den Sauers bei ihren Weinen um Frucht und Trinkfreude geht. Und diese Prämisse gilt vom Gutswein bis zum Großen Gewächs. Was sich in der Hierarchie der Weine indes verändert, sind Komplexität, Mineralik und Reifepotenzial. Wenn ein Juror notierte, dass sich »hinter der exotisch anmutenden Frucht eine delikate Bodenwürze nebst pointierter Säure« verbergen, hat er die Philosophie des Weinguts womöglich auf den Punkt getroffen. Gegen eine intensive Frucht in der Jugend haben die Sauers nämlich nichts einzuwenden, die mit weiterer Reife allerdings nicht einsam verdorrt, sondern den ursprünglichen Charakter in jedem Jahr weiter freigibt. Man sollte sich also nicht täuschen lassen, war sich die Jury einig: »Das ist ein Silvaner für eine lange Zukunft.« (95 Punkte)

Bester Silvaner 2018​: 2018 Iphöfer Julius-Echter Berg, Silvaner GG, Weingut Hans Wirsching, FRANKEN

»Butterblume, frische Kräuter, klar und dicht« notierte ein verzückter Verkoster. Er hatte einen großen Klassiker von einem traditionsreichen Weingut im Glas. Die Weinbaugeschichte der Familie Wirsching lässt sich bis ins 17. Jahrhundert zurückverfolgen, ihre Saga indes beginnt erst kurz nach dem Ersten Weltkrieg. Hans Wirsching setzte sich nicht nur leidenschaftlich für die Rekultivierung der Iphöfer Weinberge ein, sondern legte einige auch komplett neu an. Darunter auch den Julius-Echter Berg, der mit einer Hangneigung von bis zu 65 Prozent und seinen vom Keuper geprägten Böden heute zu den wertvollsten Lagen Frankens gehört. Dass Wirsching die Lage nach dem Fürstbischof Julius Echter von Mespelbrunn (1545 bis 1617) benannte, wird gute Gründe gehabt haben: Neben dem Juliusspital und der Universität gehen weitere zahlreiche Würzburger Bauten auf den Politiker und Theologen zurück. Als glühender Gegenreformator ist seine Rolle als Hexenverfolger bis heute umstritten. Unstrittig aber ist, dass der Berg Garant für herausragende Silvaner ist. Weine aus dieser Sorte galten bis vor noch gar nicht langer Zeit als altmodisch und aus der Zeit gefallen. Jetzt gewinnen sie verlorenes Terrain zurück. Silvaner kann seine erdige Herkunft wie vielleicht kein anderer Wein in sich aufnehmen und wiedergeben. »Delikate alte Schule« brachte es ein Juror beim 2018er Julius-Echter Berg auf den Punkt. (93 Punkte)  

Bester Silvaner 2017​: 2017 Iphöfer Julius-Echter Berg, Silvaner GG, Weingut Juliusspital, FRANKEN

»Helfen und Heilen« lautet das Credo der Stiftung Juliusspital, die 1576 von Julius Echter von Mespelbrunn gegründet wurde und bis heute unter anderem Weingut, Krankenhaus, Seniorenstift und Hospiz beheimatet. In seiner Gründungsphase und weit über diese Zeit hinaus galt Wein in moderaten Gaben bei fast allen Krankheiten als adäquates Medikament. Dass man es im Juliusspital von Anfang an selbst herstellte, darf als Beleg seiner Wirksamkeit gelten. Aus den Heilmitteln aus der Vergangenheit sind unterdessen bisweilen Genussmittel geworden. Dabei war man sich in der Jury uneinig, ob Wein nicht auch in unseren Zeiten beides kann. So, wie es Julius Echter von Mespelbrunn einst formulierte: »Helfen und Heilen«. Keinerlei Dissens indes gab es bei der Beurteilung des 2017er Silvaners aus jenem Weinberg, der den Namen des Spitalerbauers trägt. Dem Julius-Echter Berg sind seine Reifejahre schlicht nicht anzumerken. Die Jury notierte »klassisch Silvaner, hohe Aromaintensität, würzig und feinsalzig im Finish.« Womit eines klar sein dürfte: kein Medikament schmeckt besser als guter Wein. (94 Punkte)

Bester Silvaner 2016​: 2016 »Pur« Greuther Bastel, Silvaner, Weingut Brügel, FRANKEN

Wie alt eine Rebsorte ist, lässt sich an ihren Synonymen ausmachen. Der Silvaner besitzt unzählige, was darauf schließen lässt, dass die Varietät schon seit sehr langer Zeit in europäischen Böden verwurzelt ist. Als »Östareiche Rebe« fand sie 1665 durch den Abt Alberich Degen erstmals urkundliche Erwähnung, der die Rebe in Franken heimisch machte. Ob der Ursprung des Silvaners tatsächlich in Österreich liegt, ist zumindest wahrscheinlich. Allerdings spielt er dort heute keine Rolle mehr. In Deutschland war der Silvaner bis in die neunziger Jahre die meistangebaute weiße Rebsorte, bevor sie vom Riesling verdrängt wurde, ihre Hochburg in Franken allerdings halten konnte. Auch das Weingut Brügel im Steigerwald hält dem traditionsreichen Silvaner die Stange, was umso erstaunlicher, da das Weingut erst 1992 gegründet wurde und anzunehmen wäre, dass sich Familie Brügel damals auf vermeintlich moderne Sorten konzentriert hätte. Die Bürgels setzten auf die Klassik im modernen Gewand. Was nicht viel mehr heißt, als dass sie die Weinbauerkenntnisse der letzten hundert Jahren in ihre Weine einfließen lassen. Dem 2016er Greuther Bastel haben seine rund vier Jahre Flaschenreife sehr gutgetan. »Wer leichte Kabinette aus Riesling trinken möchte, ist bei diesem Wein schlecht beraten«, notierte ein Juror sicherlich nicht ohne Augenzwinkern. »Feinste Creme, herb unterlegt, stichsichere Säure« beschrieb ein anderer Verkoster sein Geschmackserlebnis. (92 Punkte)

Die besten Weißburgunder

Bester Weißburgunder 2019: 2019 »Alte Reben« Iphöfer Kronsberg, Weißburgunder Erste Lage, Weingut Hans Wirsching, FRANKEN

Mit einer Fläche von rund 150 Hektar gehört der Iphöfer Kronsberg zu den größeren deutschen Einzellagen. Entsprechend vielfältig zeigen sich auch die Bodenformationen, die in den besten Parzellen aus kalkreichem Keuper bestehen. Das Weingut Wirsching ist im Besitz solcher Filetstücke, die ausschließlich mit weißen Sorten bestockt sind. Dabei macht der Weißburgunder neben Silvaner und Riesling nur einen verhältnismäßig kleinen Teil der Anbaufläche aus. Mit der Bezeichnung »Alte Reben« nehmen es die Wirschings ernst, wenn die Reben für solcherlei Gewächse sich im Schnitt seit rund 40 Lenzen in den Keuper graben. Der im großen Holzfass gereifte 2019er Weißburgunder aus dem Kronsberg überzeugte die Jury mit seinem »ebenso komplexen wie feinwürzigen Duft« und ließ mit seiner »animierend-straffen Struktur und seiner »vitalen Säure« auch am Gaumen kaum Wünsche offen. Bravo! (93,8 Punkte)

Bester Weißburgunder 2018: 2018 Rhodter Rosengarten, Weißburgunder, Weingut Stefan Meyer, PFALZ

Da die Zusammensetzung der Experten bei jedem LagenCup unterschiedlich ist, kann an dieser Stelle ausgeschlossen werden, dass es Stefan Meyer deshalb wieder in eine Bestenliste geschafft hat, weil sich mittlerweile so etwas wie ein konsensfähiger Panelgeschmack bei den Verkostungen eingeschlichen hat. Dass er mit seinem Weißburgunder aus dem Rosengarten einen der vordersten Plätze belegt, muss vielmehr mit der akribischen Arbeit Meyers im Weinberg und Keller zu haben. Dass er ein feines Händchen für den Umgang mit Burgundersorten im Keller besitzt, ist bereits länger bekannt. Nun ist er auch in seinen Weinbergen einen Schritt weitergegangen, die sich momentan in der Umstellungsphase zur biologisch-organischen Wirtschaftsweise befinden. Meyers Weißburgunder wurde von der Jury anfangs ein »etwas schüchterner Auftakt« attestiert, der jedoch nicht lange anhielt, sondern rasch von einem »vielfältigen Frucht-Würze-Spiel« überflügelt wurde. »Feine Toastwürze bei eleganter Creme und überraschend strammer Säure«. So lässt sich das geschmackliche Fazit der Jury zusammenfassen. (94 Punkte)

Bester Weißburgunder 2017: 2017 Ihringer Winklerberg Hinter Winklen »Gras im Ofen«, Weißburgunder GG, Weingut Dr. Heger

Was für ein Name für einen Wein! Zunächst einmal ist er sehr lang, was mit dem sogenannten Lagenverbrauch des Verbandes Deutscher Prädikatsweingüter (VDP) zu tun hat. Der lässt für den besten trockenen Wein eines Weinguts (Großes Gewächs, GG) nämlich nur noch die Nennung einer Lage zu. Das wiederum bringt jene Winzer in die Bredouille, die überwiegend im Besitz von Großen Lagen sind, aber aus naheliegenden Gründen ihr Portfolio nicht ausschließlich mit GG’s bestücken können. Der im wahrsten Sinne des Wortes heiße Ihringer Winklerberg ist Hegers Haus- und Hofberg. Weiße und rote Burgunder und eine kleine Menge feinster Silvaner sind Hegers Steckenpferde. Im Kern des Berges herrschen vulkanische Böden vor, während auf dem Plateau Löss dominiert. Im Hinter Winklen findet man beide Gesteinsarten. Dabei profitiert die Parzelle von ihrer schattigen Lage und liegt erst ab dem Nachmittag in der nicht mehr ganz so prallen Sonne. Die Säuren der Trauben werden es danken. »Wunderbar trocken, geradlinig und stoffig« ließ ein Verkoster seiner Begeisterung freien Lauf. Ebenso gelobt wurde der Ausbau im kleinen Holzfass, der unison als »fein«, »dezent rauchig« oder mit »Gerbstoffe vom Ausbau im Holz sorgen für Zug« gelobt wurde. (94 Punkte)

Bester Weißburgunder 2016: 2016 Kindenheimer Burgweg, Weißburgunder, Weingut Neiss, PFALZ

Beim Drehen des Aromarads der Verkoster kam es bei »Toastwürze, Kokoscreme, Vanille und weiße Schokolade« am häufigsten zum Stehen. Was zu der Vermutung Anlass gibt, dass Axel Neiss beim Ausbau seines Weißburgunders aus dem kalkreichen Burgweg beim Einsatz von neuen Eichenfässern nicht eben sparsam umging. Schließlich handelt es sich um einen bereits leicht gereiften Wein, der seine Primäraromen langsam hinter sich lassen müsste. »Etwas würzige Reife, leicht kandierte Frucht und nussige Nuancen« konnte ein Juror dann auch noch ausmachen und schloss mit den Worten: »nicht süß, sondern extraktsüß – da geht noch was«. Die nördliche Pfalz wurde lange wegen ihrer eher kühl gelegenen Lagen von den Winzern aus dem Pfälzer Süden belächelt. Nun scheint sich das Blatt zu wenden: Klimaerwärmung und trockene Perioden machen die nördliche Pfalz, wenn auch nicht zu einem Profiteur des Klimawandels, so aber doch zu einer Region, die die natürliche Säurefrische in den Trauben länger halten und im Wein bewahren kann. »Straff mit schönem Zug« notierte ein Juror dazu passend. (94 Punkte)

Die besten Süßweine

Bester Kabinett: 2019 Zeller Karlspfad, Riesling Kabinett, Weingut Schwedhelm, PFALZ

Rieslinge mit Restsüße der Prädikatsstufe Kabinett waren einst eine Domäne der nördlichen deutschen Anbaugebiete. Was daran lag, dass die Trauben schlicht nicht reif genug wurden, um sie zu schmackhaften Weinen trocken zu vergären. Mit der Klimaerwärmung hat sich diese Situation nun drastisch verändert. Umso erstaunlicher, dass in letzter Zeit auch immer häufiger leichtfüßige restsüße Rieslinge aus südlichen Regionen auf sich aufmerksam machen. Im nördlichsten Bereich der Pfalz, im Zellertal, ist das Weingut Schwedhelm zuhause. Vergleichsweise kühle Bedingungen reichen dabei für filigrane Weine aber bei Weitem noch nicht aus. Die Brüder Schwedhelm verwenden besonderes Augenmerk auf Auswahl der Lagen, Laubwandarbeiten und Zeitpunkt der Lese. Ein Patenrezept gibt es dabei nicht. Vielmehr gilt es, den Vegetationsverlauf in jedem Jahr genau zu beobachten. Er gibt die Marschrichtung vor. Den 2019er Kabinett aus dem Zeller Karlspfad derart filigran auf die Flasche zu bringen, muss einer Sisyphusarbeit geglichen haben. Denn heiße und trockene Jahre wie 2019 sind nicht gerade ein Garant für feinfruchtige Tropfen. Umso überraschter zeigten sich die Verkoster von diesem Kabinett, dem sie einen »feinsaftigen und -würzigen Duft« attestierten und einen Geschmack goutierten, bei dem sie nicht sicher waren, ob der an die Mosel oder den Rheingau erinnert. Die Pfalz hatte jedenfalls niemand auf dem Schirm. (92 Punkte)

Beste Spätlese: 2018 »Jubiläum« Hattenheimer Pfaffenberg, Riesling Spätlese, Domänenweingut Schloss Schönborn, RHEINGAU

»Minze, Grapefruit, Würze, komplex und changierend. Am Gaumen zupackend und wunderbar süffig, phenolische Kontur, sehr ansprechend.« So lautet zusammenfassend das Urteil der Jury für die Spätlese aus dem 2018er Hattenheimer Pfaffenberg. Dabei handelt es sich um eine ummauerte Hanglage mit tiefgründigen Lehm-Löss-Böden, die sich im Alleinbesitz des Domänenweinguts Schloss Schönborn befindet. Da der Weinberg nach Süden und dem Rhein zugewandt ist, wärmt er sich vergleichsweise früh und nachhaltig auf. Was insbesondere im Kontext der aktuellen Klimaentwicklung nicht unbedingt immer vorteilhaft ist. Nicht gering genug darf also die Leistung eingeschätzt werden, die das Team von Schönborn im heißen Jahr 2018 in diesem »Clos« geleistet hat. Die Oechslegrade für eine Spätlese zu erreichen, bedurfte es keines menschlichen Eingriffs. Dafür sorgte das Klima ganz von allein. Andersherum wurde ein Schuh daraus: Die Trauben sollten reif, aber eben auch nicht zu reif und die Säuren bewahrt werden. Bei dieser generösen Spätlese ist das ausgezeichnet gelungen. Zur Wiedervorlage in 20 Jahren. (94 Punkte)

Beste Auslese: 2015 Hattenheimer Nussbrunnen, Riesling Auslese, Weingut August Eser, RHEINGAU

Per Definition sollte eine Auslese stets aus sehr reifen, aber nicht edelfaulen Trauben bereitet werden. Dabei steht es jedoch jedem Winzer frei, eine Prädikatsstufe herabzustufen, indem er etwa eine nominelle Auslese zur Spätlese »degradiert«. Wenn die Juroren bei Esers 2015er Auslese aus dem Nussbrunnen »kaum Botrytis« wahrgenommen haben, liegt der Verdacht nahe, dass es das Weingut mit der Prädikatsstufe Auslese sehr ernst genommen haben muss. Die Verkoster notierten einen Aromareigen, der sich vom »roten süßen Apfel« bis zum »Bratapfel« bis hinüber zu »Orange und Mandarine« zieht. Was ein Juror im Sinn hatte, als er »famose Süße« notierte, müssen wir an dieser Stelle seinem Geschmack überlassen, was sicherlich aber als eine absolute Empfehlung gemeint war. Schließlich ist keine Süße eine Delikatesse wert, wenn sie ganz allein dasteht. Das ist es unter anderem auch, was einen vermeintlich süßen Riesling ausmacht: Eine unvergleichliche Balance aus Süße und Säure, die eben nicht nur süß schmeckt, sondern nebst seiner besonderen Würze einen ganz besonderen, einzigartigen Geschmack erzeugt. Der 2015er Nussbrunnen von Eser ist dafür ein Musterbeispiel. Dass er uns mit rund fünf Jahren Reife präsentiert wurde, untermauert seine köstliche Güte – und sein gewaltiges Potenzial. (94 Punkte)

Beste Beerenauslese: 2010 »Rosa-Goldlack« Schloss Johannisberger, Riesling Beerenauslese, Weingut Schloss Johannisberg, RHEINGAU

»So einen vorzüglichen Wein habe ich noch nicht erlebt.« Wer kennt ihn nicht, diesen berühmten Ausspruch, der am 10. April 1776 über die Zunge des damaligen Verwalters der Domäne Schloss Johannisberg, Johann Michael Engert, ging. Wiewohl bereits vorher Wein aus edelfaulen Trauben erzeugt wurde, gilt dieses Datum bis heute als die Geburtsstunde edelsüßer Kreszenzen in Deutschland. Sie war einem Zufall geschuldet, weil sich der Kurier mit der Leseerlaubnis um einige Tage verspätete und die Trauben in dieser Zeit von einem Pilz befallen wurde, der für ihre Konzentration sorgte. Botrytis Cinerea ist bis heute für den köstlichen Geschmack wie etwa einer Beerenauslese verantwortlich. Auf Schloss Johannisberg entstehen bisweilen Deutschlands edelste Vertreter. Beim 2010er »Rosa-Goldlack« schwärmte die Jury von einem »deliziösen Spannungsbogen aus Süße und Säure« und fand beim Zitieren heimischer und exotischer Früchte fast kein Ende. Die Frage, wann dieser köstliche Tropfen zu seiner vollkommenen Reife gelangen würde, konnte nicht abschließend beantwortet werden. Ein Juror notierte: »Ein Riesling-Denkmal, das uns lange überdauern wird.« (96 Punkte)

Beste Trockenbeerenauslese: 2018 Iphöfer Kalb, Gewürztraminer Trockenbeerenauslese, Weingut Hans Wirsching, FRANKEN

Als »große Kunst« beschrieb ein Verkoster diesen höchst delikaten Gewürztraminer. Der kam im Gewand einer Trockenbeerenauslese (TBA) daher, was insofern bemerkenswert ist, da Weine dieser edelsüßen Prädikatsstufe meist nur noch wenig Sortencharakter aufweisen, viel öfter von Honig-, Karamell- und Trockenfrucht-Aromen geprägt werden. Die TBA von Wirsching indes offenbart einen Gewürztraminer wie unter dem Brennglas: Eine exquisite Offenbarung aus hochkonzentriertem Rosenwasser, Litschi und eingelegten Holunderblüten. Anders als etwas bei einer Beerenauslese spielt die Edelfäule bei einer TBA bestenfalls eine untergeordnete Rolle, weil die Beeren bei trockener und warmer Witterung quasi am Stock – und ohne den Einfluss des Pilzes – zu Rosinen schrumpfen. Die Saftausbeute fällt bei solcherlei Trockenfrüchten naturgemäß homöopathisch aus, ist jedoch derart stark konzentriert, dass bei der Vergärung selten mehr als sieben Volumenprozent Alkohol zu Buche schlagen. Wirschings liegt bei rund sechseinhalb. Guter Durchschnitt also. Da die Trauben des Gewürztraminers in der Regel nur wenig Säuren ausbilden, sind rund zehn Promille bei der TBA von Wirsching aber spektakulär und sorgen für eine atemberaubende Frische am Gaumen. Anders als dekadent lässt es sich nicht in Worte fassen: Nie war eine Trockenbeerenauslese aus Gewürztraminer verlockender, geiler, köstlicher und ja: süffiger. (95 Punkte)

Bester Eiswein: 2018 Alsenzer Elkersberg, Riesling Eiswein, Weingut Hahnmühle, NAHE

Die Weine der Hahnmühle an der Nahe fliegen noch immer etwas unter dem Radar in der Weinszene. Zu Unrecht! Seit 100 Jahren betreibt die Familie Linxweiler im kleinen Mannweiler-Cölln Weinbau. Das Weingut ist vom Verband »Naturland« Bio-zertifiziert und legt seinen Schwerpunkt auf den Riesling. Die besten Weine entstammen der kargen und schiefrigen Hanglage Alsenzer Elkersberg, die über viele Jahre brachlag und von Linxweiler rekultiviert wurde. Ihre herausragenden Gewächse dieses vergessenen Weinbergs betiteln die Linxweilers mit »Alisencia«. Beim Eiswein haben sie offenbar eine Ausnahme gemacht und stellen seine kleinste Herkunft in den Vordergrund. Und die hat er sich redlich verdient. Das ist ein Eiswein von seltener Brillanz. Nicht einen Hauch von Botrytis konnte die Jury in ihm ausmachen. »Super-sauber, wunderbar-geradlinig und dabei doch hochkonzentriert« notierte ein Verkoster. Was vermeintlich nüchtern klingt, ist vermutlich seiner Wahrnehmung geschuldet: Denn Eisweine sind nicht selten fett und honigsüß. Der Alsenzer Elkersberg rollt geradewegs leichtfüßig über den Gaumen und bleibt dennoch eine kleine Ewigkeit am Gaumen haften. Grandios! (93 Punkte) 

Sonderkategorie – 10 Jahre gereift

Als sogenanntes »Arschjahr« machte der Jahrgang 2010 schon bald nach dem Abschluss der Lese in Deutschland von sich reden. Und tatsächlich waren die Bedingungen vom Austrieb bis zur Ernte alles andere als glücklich. Das Frühjahr war lange zu kalt, Regen fiel im Verlaufe mehr als reichlich, der Sommer wollte nicht recht Fahrt aufnehmen und schließlich sparte auch der goldene Oktober an sonnigen Tagen. Da waren viele Weine noch gar nicht gefüllt, als der Jahrgang von vielen Experten bereits abgeschrieben war.

Dünne Säuerlinge oder saure Dünnlinge

​In der Mehrheit seien entweder dünne Säuerlinge oder entsäuerte Dünnlinge zu erwarten, so die damalige Prognose. Und natürlich gab es die auch. Was es aber ebenso gab, waren eindrucksvolle Weine, deren Potenzial sich erst einige Zeit nach ihrer Füllung offenbarte. Wenn es in den letzten Jahren für die Winzer vermehrt darum ging, die Reife der Trauben im Zaum zu halten, freute man sich vor zehn Jahren noch über jeden trockenen Tag, über jede Sonnenstunde, über jedes Grad Oechsle mehr. Wurden 2010 viele Moste etwa mit Doppelsalz entsäuert, müssen sie heutzutage viel öfter angesäuert werden, um jene Frische in den Weinen zu erzeugen, die das Klima nicht mehr hergibt. In zehn Jahren hat sich die Weinlage dramatisch verändert. Galt der 50. Breitengrad die längste Zeit als nördlichste Grenze für den Weinbau, wird der Riesling in manchen Jahren nun selbst in Schweden reif.

​Säure gab es 2010 reichlich, was es brauchte: Zucker, Extrakt, Mineralstoffe.

​Natürliche Mostsäuregehalte von neun Promille und mehr waren beim Riesling 2010 eher die Regel als die Ausnahme. Vollbrachten es die Winzer in diesem Jahr zudem, dass die Trauben ausreichend Zucker, Extrakt und Mineralstoffe einlagern konnten, stand einem großen Wein eigentlich nichts mehr im Wege. Entsäuert werden musste in diesem Fall dann höchstens mittels der sogenannten malolaktischen Gärung, die allzu spitze Apfelsäure in weiche Milchsäure umwandelt. Ein Vorgang, der natürlicherweise im Frühjahr nach der Lese und steigenden Temperaturen einsetzt, vom Winzer allerdings auch mit entsprechend selektionierten Bakterien provoziert werden kann. Verläuft dieser Prozess allerdings zu schnell, läuft der Wein Gefahr, ein Joghurt-ähnliches Aroma zu entwickeln, das mit zunehmender Reife penetrant in den Vordergrund treten kann.

​Was damals zur Güte beitrug, verkehrt sich heute ins Gegenteil

​Ob im Rheingau, an der Mosel, in Rheinhessen oder in der Pfalz: Deutschlands Grand Cru-Lagen orientierten sich an einem vergleichsweisen kühlen Klima. Die Auswahl des Weinbergs für einen Spitzenwein erfolgte nach seiner Sonnenexposition, die Nähe zu einem Fluss, der weitere Sonnenergie reflektierte und der Bodenart, die umso dunkler auch umso mehr Wärme zu speichern imstande ist. Was bis Anfang des 21. Jahrhunderts den Trauben zur Reife verhalf, verkehrt sich nun Jahr um Jahr ins Gegenteil. Vor allem dem Riesling wird es in vielen Jahren zu trocken und heiß. Um sein Aromapotenzial voll auszuschöpfen, benötigt er viel Zeit. Wenn die Winzer 2010 bei der Ernte ihrer wenigen verbliebenen Trauben gestöhnt, die Kritiker den Jahrgang (vorschnell) totgeschrieben haben, ist das Jahr womöglich das letzte, dem deutscher Wein die Bezeichnung »cool climate« zugebilligt werden kann. Syrah, Merlot oder Cabernet Sauvignon gelangen in den südlichen Anbaugebieten fast jedes Jahr zur vollständigen Reife, während sich Deutschlands Vorzeigesorte, der Riesling, immer schwerer mit der Klimaerwärmung tut. Freuen wir uns also über Weine, die heute ein bisserl wie aus einer längst vergangenen Zeit daherzukommen scheinen, obwohl sie nur eine lächerliche Dekade reif sind. Die Zeitlinie hat an Fahrt aufgenommen. Für manche Rebsorte könnte es hierzulande in naher Zukunft vielleicht keine mehr geben. 2010 hat das Zeug, in die deutsche Weinbaugeschichte einzugehen. Als einer der letzten Jahrgänge mit natürlicher Rasse und einem Genussfenster, das sich bei seinen Besten erst viele Jahre nach ihrer Füllung zum ersten Mal öffnet.                           

Die Top Ten-Sieger

2010 Eitelsbacher Karthäuserhofberg, Riesling GG, Weingut Karthäuserhof, MOSEL

Dass es ein Riesling von der Ruwer in die Top Ten der besten Weine aus dem Jahrgang 2010 schafft, mag zunächst wenig erstaunen. Schließlich gelten die Weine von Mosel, Saar und Ruwer seit jeher als Tropfen mit enormem Reifepotenzial. Dabei waren es allerdings in den allermeisten Fällen rest- oder edelsüße Gewächse, die weltweit für Furore sorgten und auf den Weinkarten der Welt zu Höchstpreisen feilgeboten wurden. Der 2010er Karthäuserhofberg ist mit seinen rund neun Gramm Restzucker ein für moselanische Verhältnisse ziemlich trockener Riesling, dem immerhin knapp neun Promille Säure entgegenstehen. »Jugendlich!«, notierte ein Verkoster, was im Kontext einer Dekade Reife nurmehr als Lob verstanden werden kann. Auch die anderen Verkoster sparten nicht mit Aromen aus der exotischen Früchtekiste, warfen »Mango, Ananas und Sultaninen« in den Ring und fanden am Ende doch noch etwas würzige Reife, die sie als »sanften Petrolton« interpretierten. (95 Punkte)

2010 Fellbacher Lämmler, Riesling GG, Weingut Aldinger, WÜRTTEMBERG

Wenn das mal kein Paukenschlag ist. Und obendrein eine Empfehlung für bestens organisierte Blindproben mit kompetenten Verkostern. Ob die nun alle Tassen im Schrank hatten, einen Riesling aus Württemberg, wir wiederholen: aus Württemberg(!) zum besten 2010er zu küren, ist nur ein weiteres Indiz dafür, wie tief das Anbaugebiet in den letzten Jahren unter seinem Radar geflogen ist. Ziehen wir alle Ergebnisse des diesjährigen LagenCup Rot und Weiss in Betracht, können wir nicht anders, als Württemberg zu einer der besten Herkünfte für Spätburgunder, Lemberger und Riesling zu zählen. Im Ländle wurden die Waffen geschärft, ohne sie aufzurüsten. Auf traditionelle Rebsorten legen die Winzer bis heute großen Wert, verwehrten sich jedoch auch nicht vor Experimenten. Das Weingut Aldinger konnte beim LagenCup Rot vor ein paar Monaten bereits mit seinem 2010er Lemberger aus dem Lämmler in den Top Ten glänzen. Nun zeigte auch der Riesling aus gleicher Lage gewaltiges Potenzial: »Wirkt sehr jugendlich, gelbe und tropische Früchte, nur ein Hauch Petrol« vermerkte ein Juror, während ein anderer »getrocknete Früchte, Honig nebst einer hochfeinen Säure« wahrnahm. Machen wir es also kurz und formulieren sachlich: Württemberg ist der kommende Wein-Star in Deutschland. Er glüht. Wer ihn nicht sieht, muss blind sein. (95 Punkte)

2010 Endinger Wihlbach, Grauburgunder Spätlese trocken, Weingut Knab, BADEN

Der Grauburgunder aka Pinot Grigio hat es hierzulande in den letzten Jahren wirklich nicht leicht. Während Weine dieser Sorte, die irgendwann einmal vermutlich aus einer spontanen Kreuzung von Weiß- und Spätburgunder entstanden ist, einerseits von den Kunden im Fachhandel bis zum Discounter zielstrebig aus den Regalen und Onlineshops gekauft werden, hat die sogenannte Weinszene in Deutschland bedauerlicherweise viel zu selten freundliche Worte für den Grauburgunder übrig. Woran das liegt, ist an dieser Stelle nicht zu besprechen. Das Intro macht aber alles klar: In die Top Ten der zehn Jahre gereiften Weißweine hat es ein Grauburgunder geschafft. Weinintellektuell sagt man dem Grauburgunder doch meist kein besonders ausgeprägtes Reifepotenzial nach. Spätestens ab den neunziger Jahren des letzten Jahrhunderts eiferte er beinahe ausnahmslos seinem erfolgreichen Bruder Pinot Grigio hinterher. Dabei verlor er sich bisweilen. Das Weingut Knab blieb sich treu. Auch in Baden war die Witterung 2010 vergleichsweise kühl, was vielleicht mit der Aussage »mega Säure« eines Verkosters treffend erkannt wurde. Weitere Zitate aus der netten Runde: »sehr lebendig«, »vorzügliche Reife« oder »fast schon sexy die Struktur«. Was immer letzteres auch heißen mag. (95 Punkte)

2010 Siefersheimer Heerkretz, Riesling GG, Weingut Wagner-Stempel, RHEINHESSEN

2010 hatten die Winzer nicht viel zu lachen. Das Jahr begann nasskalt und sollte bis zum Herbst auch nicht viel besser werden. Niederschläge gab es mehr als reichlich. Der Oktober war nur an wenigen Tagen golden. Die wenigen Trauben, die zu dieser Zeit noch in den Anlagen hingen, konnten fehlende Reife bisweilen noch aufholen. Auch Daniel Wagner pokerte bis zum Schluss. Ein veritabler Teil der Ernte fiel den widrigen Wetterbedingungen zum Opfer. Um reife und gesunde von unreifen und kranken Trauben zu trennen, bedurfte es einer peniblen Selektionsarbeit im Weinberg. Danil Wagners Team muss in diesem Jahr exzellente Sisyphos-Arbeit geleistet haben. Denn die 2010er Heerkretz dreht jetzt, nach zehn Jahre Reife, erst richtig auf. »Stramme Säure« bemerkte ein Juror und macht damit deutlich, wie dominant diese in der Jugend des Weines einmal gewesen sein muss. Die Reife steht der Heerkretz jedenfalls ganz ausgezeichnet zu Gesicht, wenn ihre Bodenwürze jetzt nach und nach zu aromatischer Geltung kommt und der Säure köstliches Paroli bietet. »Fraglos ein großer Riesling, der seinen Zenit noch lange nicht erreicht hat«, fasste es ein Verkoster treffend zusammen. (94 Punkte)

2010 Hochheimer Hölle, Riesling Erstes Gewächs, Weingut Künstler, RHEINGAU

Bei einem Weinberg, der den Namen »Hölle« trägt, sollte man annehmen, dass der auf die schwierigen Bedingungen anspielt, um ihm am Ende reife Trauben abzuringen. Tatsächlich liegt sein Ursprung im mittelhochdeutschen Wort »Halde«, was so viel wie steiler Berg bedeutet. Dabei kann die Arbeit auf dem tonig-lehmigen und enorm steilen Terrain für den Winzer in manchen Jahren durchaus auch mal zur Hölle werden, damit die Weine am Ende nur umso himmlischer geraten. Rund ein Jahrzehnt nach seiner Lese finden sich in den Verkostungsnotizen der Jury kaum Beschreibungen, die einen reifen Riesling vermuten lassen. Vielmehr ist von »Physalis, Kiwi und getrockneter Aprikose« die Rede, was Anlass zur Vermutung gibt, dass die Frucht bei der 2010er Hölle noch immer eine wichtige, wenn nicht gar die Hauptrolle spielt. Den trockenen Rieslingen aus dem Rheingau wird immer wieder der Vorwurf gemacht, sie seien in ihrer Geschmackskategorie zuweilen zu süß. Künstlers Hölle hat laut Analyse rund sieben Gramm Zucker im Gepäck. Die mögen in der Jugend des Weines etwas allzu Schmeichelndes gehabt haben. Doch mit jedem Jahr, dass dieser köstliche Riesling nun heranreift, ist es jene Süße, die seine Frucht und am Ende auch seine Balance hält. Von schmeichelnder Süße kann beim 2010er keine Rede sein. (94 Punkte)

2010 »Wellenkalk« Retzstadter Langenberg, Silvaner, Weingut Rudolf May, FRANKEN

Als Rudolf May seinen Silvaner aus dem kalkreichen Retzstadter Langenberg 2010 erntete, sollte es noch vier Jahre dauern, bis das Weingut schließlich im Verband Deutscher Prädikatsweingüter (VDP), dem Club der vermeintlich besten Weingüter Deutschlands, aufgenommen wurde. Heute zählen die Silvaner von May zu den besten des Landes. Seine Weinberge liegen, etwas übersehen, im Norden von Würzburg, sind aber nicht weniger spektakulär. Von kargen Böden geprägt und steil abfallend, bieten sie beste Voraussetzungen für den Anbau von mineralisch und säurefokussierten Silvanern. Die Sorte macht mit rund 60 Prozent dann auch den Löwenanteil der Anbaufläche der Mays aus. Rudolf May wird mittlerweile von seinem Sohn Benedikt in Weinberg und Keller tatkräftig unterstützt. Seit 2015 arbeitet das Weingut nach den biologischen Richtlinien des »Naturland« Verbands. Was ein Verkoster mit der Notiz »feine Oxidationsnote« meinte, dechiffrieren wir an dieser Stelle einmal mit »delikater Würze«. »Bratapfel, Maracuja und saftige Säure« standen bei den Juroren ebenfalls hoch im Kurs. Womit eines ein weiteres Mal klar geworden sein muss: Silvaner hat das Zeug für eine delikate Reife. (94 Punkte)

2010 »Alte Reben« Westhofener Morstein, Riesling, Weingut Seehof, RHEINHESSEN

»Mit den 2010er Weinen hat der junge Florian Fauth (…) zu den besten Betrieben aufgeschlossen (…)«, urteilte das Genussmagazin »Der Feinschmecker« 2012. Wie recht die Redaktion mit ihrer damaligen Aussage hatte, konnte die Jury des LagenCups nun rund acht Jahre später mehr als nur nachvollziehen. Fauths 2010er Riesling aus dem kalkreichen Morstein im südlichen Wonnegau kommt mit »süßen und reifen Gelbfrüchten« daher und zeigt neben »dezenten Reifetönen eine knackige Säure«, gaben die Juroren kund. Während Florian Fauth für die Arbeit im Keller verantwortlich zeichnet, kümmert sich sein Vater Ernst bis heute um die Rundumversorgung der Weinberge. Auf rund 16,5 Hektar ist die Fläche mittlerweile angewachsen, auf der nicht nur Riesling und Burgunder angebaut werden, sondern auch der Scheurebe ein veritables Fleckchen in besten Parzellen eingeräumt wird. Wenn der LagenCup also dermaleinst einen Wettbewerb mit Bukett-Rebsorten auslobt, sollte zumindest eine Scheurebe vom Seehof mit an Bord sein. Sie dürfte sich bestens schlagen. Fauths trockener Riesling aus dem Morstein indes ist eine sicherere Bank – und ein köstlich reifender Wein. (94 Punkte)

2010 Bissersheimer Goldberg, Riesling Erstes Gewächs, Weingut Zelt, PFALZ 

Der Name ist uns gerade entfallen. Jedenfalls war es ein bekannter Journalist, der den Jahrgang 2010 damals als »Arschjahrgang« tituliert hat. Was insofern korrekt ist, als dass die Bedingungen für exzellente Weine in diesem Jahr alles andere als perfekt waren. Womöglich markierte 2010 das erste Jahr der jüngsten Weinzeitrechnung, in der es darum ging, der Entwicklung der Reben in ihren Lagen größtmögliche Aufmerksamkeit zu schenken. Da musste auch mal der langgebuchte Sommerurlaub ins sprichwörtliche Wasser fallen, weil die Natur und nicht der Kalender den Takt vorgab. Zelts 2010er aus dem kalkreichen Goldberg kam der Jury auch vermutlich deshalb so vorzüglich gereift daher, weil der Winzer und sein Team Enormes in diesem schwierigen Jahr im Weinberg geleistet haben müssen. Dass der Goldberg deliziöse Reife zeigt, machen die Anmerkungen der Juroren deutlich. Häufig genannt wurden »Datteln, Nektarine und Honigmelone.« Mit rund 8 Promille Säure fiel Zelts Riesling aus 2010 ziemlich knackig aus. Sie wird ihn weiterhin jung halten – über viele weitere Jahre. (93 Punkte)

2010 Casteller Schlossberg, Silvaner GG, Fürstlich Castell’sches Domänenamt, FRANKEN

Wenn es ein Silvaner in die Top Ten der feinsten gereiften Gewächse in diese Liste schafft, mag das für den einen oder anderen eine Überraschung sein. Eine, die sich in den letzten Jahren viel Zeit genommen hat, um sein Ansehen wieder dorthin zu torpedieren, wohin es gehört: An die Spitze Deutschlands. Hinter vorgehaltener Hand erzählt man sich neuerdings, dass die Zukunft der traditionellen deutschen Weißweine im Silvaner liegt. Was abzuwarten ist. Beim Casteller Schlossberg notierte die Jury eine »Mega-Combi aus heimischen und exotischen Früchten« und konnotierte die vermeintliche Reife mit »reifer Würze und einer feinen Bitteren im Finish.« Die Weinbautradition im Hause Castell reicht bis ins 13. Jahrhundert zurück. 1659 wurden in ihre Gemarkungen die ersten urkundlich vermerkten Silvaner-Reben gepflanzt. An der Domäne –so scheint es – sind fast sämtliche Moden mehr als weniger vorbeigegangen. Wenn ihre Silvaner in ihrer Jugend auch manchmal als entweder zu süßfruchtig oder zu verschlossen beschrieben werden, ist das längst noch kein treffendes Urteil über ihr Potenzial. Nach zehn Jahren Reife belegt der Schlossberg eindrücklich, was in ihm steckt: »Grandioser Geschmack bei hocheleganter Struktur und hervorragender Länge«, notierte ein verzückter Experte. (93 Punkte)   

2010 Bissersheimer Goldberg »Schützenhaus«, Riesling, Weingut Wageck, PFALZ

Die Erfolgsgeschichte der Wageck-Weine begann mit dem Jahrgang 2012, als sich Frank und Thomas Pfaffmann dazu entschlossen, neben den klassischen Pfaffmann-Weinen, eine Premiumlinie auf den Markt zu bringen. Dass der Riesling aus der kalkreichen Premium-Parzelle Schützenhaus ins Luxussegment wandern wird, war schnell ausgemachte Sache. Peu à peu wird nun das gesamte Sortiment in den alten Weingutsnamen Wageck umfirmiert. Das Gewann Schützenhaus verdankt seinen Namen einem an dieser Stelle erbauten Trullo, den die Bissersheimer Schützenhaus nannten. 2010 waren die Reben rund 40 Jahre alt, der aus ihnen gewonnene Wein markierte die Spitze der trockenen Rieslinge im Pfaffmann Portfolio. Welch exzellentes Potenzial er besitzt, zeigte sich nun einmal mehr bei der LagenCup-Verkostung aus dem Jahrgang 2010. »Wunderbar reife Würze nebst saftiger Frucht und strahlender Säure« wusste ein Verkoster zu berichten, während ein anderer ihn als »zupackend und immer noch ungeheuer frisch« beschrieb. (93 Punkte)

2010 »Alte Reben« Niersteiner Hipping, Riesling, Weingut Georg Gustav Huff, RHEINHESSEN

Die als Rotliegendes bekannte Bodenformation, eine Hangneigung von bis zu 70 Prozent sowie eine südöstliche Exposition sorgen für ein sich rasch erwärmendes Mikroklima. Wiewohl auch die Winzer vom Roten Hang 2010 von den Unbilden der Natur nicht verschont blieben, konnten sie am Ende doch noch eine kleine Menge reifer und gesunder Trauben einfahren. Die Weinbaugeschichte der Huffs lässt sich rund 300 Jahre zurückverfolgen und ist bis heute ein klassischer Familienbetrieb. Während sich Dieter Huff um die Arbeiten im Weinberg kümmert, zeichnen seine Söhne Daniel und Stefan Huff für den Ausbau der Weine verantwortlich. Nach abgeschlossener Ausbildung als Weinbautechniker und Wanderjahren in Österreich und Australien war 2010 der erste Jahrgang, den Stefan Huff nach seiner Rückkehr in den elterlichen Betrieb begleitete. Eine Feuertaufe mit miserablen Wetterbedingungen. Um einen derart stolz gereiften Hipping zu erzeugen, muss die Familie an einem Strang gezogen haben. Ein Juror notierte: »Wunderbar saftige, fast süße Frucht wird von straffer Säure gekontert.« In ihrer Jugend wurden vor allem die Rieslinge wegen ihrer bisweilen massiven Säure getadelt. Zehn Jahre später, ist sie es, der die besten des Jahrgangs ihre jugendliche Frische zu verdanken haben. (93 Punkte)

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